Umstrittene „Salome“ in Wiesbaden

Von Volker Milch
Redakteur Kultur/Politik/Wirtschaft Wiesbaden

Von wegen Schleiertanz: Salome zeigt sich ihrem Stiefvater Herodes im Video eher respektlos. Foto: Monika & Karl Forster

WIESBADEN - Eltern kennen das: In der Trotzphase werfen sich Kinder gerne auf den Bo den und nerven, bis sie bekommen, was sie wollen. Die biblische Prinzessin Salome ist in der Entwicklung schon ein wenig weiter und greift sich lüstern zwischen die Beine, wenn sie sich auf dem Bühnenboden des Staatstheaters Wiesbaden windet. Die Stieftochter des pädophilen Herodes begehrt einen Staatsfeind mit Haut und Haaren, den Propheten Jochanaan, den man auch als Johannes den Täufer kennt. Nachdem der standhafte Gottesmann die Prinzessin verflucht hat, wird sie am Ende seinen Kopf fordern. Und bekommen. Am Staatstheater Wiesbaden aber wird nicht mit einem abgeschlagenen Grusel-Kopf hantiert. Der Prophet bekommt eine Art Gesichtsmaske verpasst, die Salome am Ende küsst.

WORUM GEHT‘S?

Richard Strauss hat seine Oper „Salome“ nach dem Skandalstück von Oscar Wilde verfasst. Salome ist die Tochter der Herodias, die vom Stiefvater Herodes begehrt wird. Sie hingegen ist fasziniert vom gefangenen Propheten Jochanaan. Dieser verflucht die Prinzessin, die seinen Kopf fordert und am Ende die toten Lippen küsst.

Ein Theater müsste für diese schwere Partie eigentlich eine ausgewachsene Stimme im Körper einer Heranwachsenden finden. Schließlich ist Salome ein Teenager. Die junge Sopranistin Sera Gösch, eine Salome-Debütantin, kommt dieser Mischung aus Lolita und Megäre am Ende ziemlich nahe. Sie wächst im Lauf dieser im Publikum am Ende lautstark umstrittenen Premiere in ihre Partie hinein, lässt im furiosen Schlussgesang noch erstaunliche Kraftreserven hören und setzt sich gegen das Staatsorchester durch, das der Generalmusikdirektor Patrick Lange hier in kontrollierter Leidenschaft funkeln lässt. Angesichts solcher vokal-instrumentaler Leistung ist der Buhruf, der dem letzten Fortissimo folgt wie ein Fallbeil, der Grausamkeit der Handlung schon ziemlich nahe. Er dürfte freilich eher der Inszenierung durch das französische Künstlerkollektiv „Le Lab“ gegolten haben als einer Sängerbesetzung, in der Simon Bode dem verzweifelt verliebten Narraboth schönen Schmelz leiht, Thomas de Vries als Jochanaan baritonale Standhaftigkeit verkörpert, Andrea Baker eine bissige Herodias gibt und Frank van Aken einen ganz vorzüglichen Herodes gestaltet. In lila Hose und halbseidener Jacke sieht dieser Herrscher Galiläas aus wie ein Zirkusdirektor, der in der Manege der Macht die Kontrolle verloren hat. Auf der Drehbühne kreiselt neben Gartenstühlen und Lampenkugeln das Verlies des Propheten als Folterbox, die mit ihren Sichtfenstern ein wenig an aktuelle Trends in der Vorstadt-Architektur erinnert. Ein Rundhorizont aus großen Projektionsflächen signalisiert dahinter, dass „Le Lab“ auf das Medium Film setzt. Tatsächlich ist die apokalyptische, von Lars von Triers „Melancholia“ inspirierte Bilderwelt mit Wüste, Blutmond und Feuersturm kein schlechter Bezugsrahmen für die endzeitlichen Qualitäten des Werks. Der Videoeinsatz ist aber nicht immer so kreativ wie während des berühmt-berüchtigten Tanzes der sieben Schleier: Während der geile Herodes auf sein Tablet starrt, sieht das Publikum nicht nur Salome, sein laszives Objekt der Begierde, sondern auch die Blicke, die Augenpaare eines im Staatstheater-Foyer gepflegt arrangierten Opernpublikums. Die Erwartungshaltung wird hier durchaus reizvoll unterlaufen und mit dem Sehen an sich ein Leitmotiv der Oper variiert. Eher störend ist hingegen der Kameraeinsatz auf der Bühne, wie man ihn von Frank Castorf (zuletzt im Bayreuther „Ring“) bis zum Überdruss gesehen hat. Die Sänger erscheinen als Großaufnahmen auf den Projektionsflächen, aber das Drama verpufft mit dem zwischen Bühne und Bild springenden Blick des Betrachters. Eine kluge Regie müsste auch dem Komponisten und den antisemitischen Klischees, die er mit seinem aufgeregten Juden-Quintett bedient, in den Rücken fallen. Jean-Philippe Clarac und Olivier Deloeuil von „Le Lab“ hingegen bestätigen das Klischee, indem sie aus dem Quintett ostjüdische Klezmer-Musikanten machen. Ohnehin triumphiert das Dekorative über das Durchdachte, und das verstörende Potenzial von Salomes Geschichte, die der Dichter Oscar Wilde 1891 im prüden, viktorianischen England platzen ließ wie eine Bombe, wird verspielt.

Nicht verspielt hingegen wird im Orchestergraben das Leuchten in allen instrumentalen Facetten und die geschmeidige Sinnlichkeit eines Melos, das bei Patrick Lange in besten Händen ist.

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