Rote Karte für die Gewalt
02.11.2011
Von Olaf Streubig
Fussball Attackierter Referee pfeift weiter / Stimmung an Basis brodelt
WIESBADEN. David Neugebauer kann wieder lachen. Ein strahlendes Lächeln, ohne Zahnlücke. Eine große Krone ersetzt den Schneidezahn, den Dentisten als Zahn 21 nummerieren. Wer nicht weiß, dass dem 17-jährigen Schiedsrichter vor vier Wochen dieser Zahn ausgeschlagen wurde, sieht davon nichts.
Die schmerzliche Erinnerung an das A-Jugendspiel zwischen TuS Dotzheim und VfR Wiesbaden bleibt. Und ein Foto von Davids Zahnlücke. Als das Bild an die Wand im Bierstadter Vereinsheim projiziert wird, schweigen alle. So still war es auf einer Sitzung der Wiesbadener Schiedsrichtervereinigung noch nie. 120 Referees starren schockiert auf das Foto. „Das hätte jedem von uns passieren können“, sagt Ausbilder Arsen Karagülyan und erntet stummes Nicken. Einige sind sichtbar zornig, andere murmeln etwas von Streik. Dann zeigt Karagülyan einen Beitrag aus dem Hessenfernsehen - Interviewpartner David Neugebauer und Schiedsrichter-Chef Gerhard Steudter. „Das wurde leider mit Effekt haschenden Gewaltbildern garniert“, bedauert Steudter. Anfragen von Boulevard-Formaten von RTL oder Pro7 hatten sie ohnehin direkt abgelehnt. „Da bist Du plötzlich in Radio oder Fernsehen und willst es gar nicht“, sagt Neugebauer. Derweil brüstet sich einer der beiden Täter („Scheiß VfR, dann mach ich halt jetzt Kickboxen“) bei Facebook, nachdem der Verein beide sofort vor die Tür gesetzt hat.
„Jeder hätte Verständnis gehabt, wenn David nach einem solchen Vorfall die Pfeife an den Nagel hängt“, sagt Steudter. Doch der talentierte Jungschiedsrichter entschied sich, weiterzumachen. „Auch meine Familie, in der keiner irgendwas mit Fußball am Hut hat, unterstützt das.“ Drei Wochen nach dem Abbruch hat er bereits vier Spiele gepfiffen und in der Verbandsliga gewunken. Er kommt auf mehr als 60 Einsätze pro Jahr. Auch ein A-Jugendspiel stand unter seiner Leitung: Mit dem Fahrrad radelte Neugebauer aus Kastel nach Nordenstadt, um in Eiseskälte den Gruppenliga-Kick zwischen Nordenstadt und Wörsdorf zu leiten. Fehlerfrei!
154 Schiedsrichter gibt es im Kreis Wiesbaden. Mangel herrscht (noch) nicht, doch hoch ist die Fluktuation. Schon im ersten Jahr geben mehr als die Hälfte der Neulinge entnervt auf. „Problematisch ist es nicht, Schiris zu finden, sondern sie dann zu halten“, sagt Klaus Welz, der Karagülyan bei der Ausbildung unterstützt. Zwölf Euro Spesen bei Jugendspielen sind ein dünnes Salär, betrachtet man Zeitaufwand und das Risiko. Nach vermehrten Vorfällen brodelt die Stimmung an der Basis. Gestenreich referiert Karagülyan („Im Vergleich zu anderen Kreisen ist es hier sogar noch harmlos“) seinen Kameraden Tipps und Tricks zur Deeskalation, verschickt kurz darauf an alle Unparteiischen per E-Mail Verhaltenshinweise zur Spielleitung und bei Ausschreitungen. Und der Lehrwart kehrt auch vor der eigenen Tür: „Zeigt Euch mehr menschlich! Leider treten einige manchmal arrogant oder sehr forsch auf, das kann auch Auslöser für Konflikte sein.“
David Neugebauer ist damit nicht gemeint. Er leitet die Partie in Nordenstadt mit klaren Ansagen, deutlicher Körpersprache und freundlichem Umgang: zwischendrin auch mal ein Lächeln. „Im Spiel konzentriere ich mich und denke nicht mehr an den Vorfall“, sagt Neugebauer.
Mit einem 50 Euro Einkaufsgutschein haben sich die Vertreter vom VfR Wiesbaden bei Neugebauer entschuldigt. Am Mittwoch ist die Verhandlung vor dem Sportgericht, den Tätern droht ein Ausschluss aus dem Hessischen Fußballverband. Doch schon in der nächsten Partie nach dem Abbruch, kochten wieder Emotionen hoch, diesmal innerhalb des VfR-Teams. Die anstehenden harten Strafen gegen die beiden Schläger scheinen ohne abschreckende Wirkung verpufft. Bitterer Beleg, dass die im Fußballkreis angestoßene Präventionsarbeit dringend nötig ist - und, dass die Fußballvereine viel zu tun haben…

