Kornnatter zum Anfassen
05.10.2010 - SCHIERSTEIN
Von Moritz Aisslinger
KULTURTAGE In Schierstein Wissenswertes aus der Welt der Schlangen
Plötzlich zischt es an Jans Handgelenk. Ein länglicher, dünner Körper hat sich wie ein Armband darum geschlängelt: Es ist eine Kornnatter. Doch anstatt schreiend wegzulaufen, bleibt der erst Siebenjährige ganz cool. Er will sie sogar gar nicht mehr hergeben. Neugierig begutachten sich Schlange und Kind und fühlen sich beide sichtlich wohl. Zu der recht ungewöhnlichen Begegnung kam es bei einem informativen Spaziergang des Naturschutzhauses Wiesbaden in Schierstein.
Anlässlich der dritten Schiersteiner Kulturtage führte Experte Richard Abt etwa 15 Interessierte unter dem Motto „Was macht die Äskulapnatter?“ am Grunselbörnchen in Schierstein entlang und erzählte über die in Deutschland nur sehr selten vorkommende Schlange. So erfuhren Jan und sein Freund Finn (6) etwa, dass die Natter äußerst schreckhaft ist. „Wenn Gefahr droht, zieht sie einfach ihren Kopf ein - wie Kinder, die sich die Augen zu halten, wenn sie Angst haben“, erklärte Abt. Deshalb werden die Reptilien auch des Öfteren von Rasenmähern verletzt oder von Autos überfahren. Schätzungsweise 500 dieser Tiere leben noch in der Umgebung des Rheingau-Taunus-Kreises. Sie sind ein „Reliktvorkommen aus der letzten Eiszeit.“ Eine kleine Population hatte sich damals wohl in den wärmeren Gebieten in Schierstein eingenistet und überlebt. Heute seien die Schlangen häufig in Gärten und Komposthaufen zu finden. Dort legen sie ab August auch ihre Eier ab. „Aus diesem Grund zu der Zeit bitte nicht den Kompost umsetzen“, bat Abt um Vorsicht.
Ihre Lieblingsplätze seien allerdings ungestörte Sonnenplätze, Steinhaufen und Trockenmauern. Trotz Sonnenschein wurde leider keine Natter gesichtet. Dafür jedoch hatte Abt eben die Kornnatter mitgebracht. Als er sie am Ende des Spaziergangs hervorholte, trat genau das ein, was er vorausgesagt hatte: „Die Männer halten Sicherheitsabstand und die Frauen wollen die weiche Haut streicheln.“ Doch nicht zu vergessen die beiden Jungs, Jan und Finn. Sie hatten am wenigsten Angst und griffen furchtlos zu. Für Walter Richters war es eine gelungene Veranstaltung. Der Vorsitzende der Volksbildungsstätte Schierstein und Veranstalter der Kulturtage hatte sich den Vortrag auch nicht entgehen lassen wollen. Er war positiv erfreut: „Es ist schön zu sehen, wenn Vereine wie das Naturschutzhaus aktiv an dem Projekt teilnehmen.“
In Zukunft hoffe er auf noch mehr Zusammenarbeit mit den ortsansässigen Vereinen und Gemeinden. „Wir wollen besonders mit den Schulen besser kooperieren.“ Denn solch praxisnahe Lehrstunden wie der Spaziergang über die Äskulapnatter gibt es selten. Darum war es umso bedauerlicher, dass nur zwei Kinder mit dabei waren. Diese aber haben eine Menge gelernt und spätestens seit gestern keine Angst mehr vor Schlangen.

