75. Auflage der Bachvesper in Schierstein
08.02.2012 - SCHIERSTEIN
(red). Die Bachvespern in Frankfurt und Wiesbaden eilen förmlich von Rekord zu Rekord. Das ist auch am Publikumszuspruch abzulesen. Die Veranstalter geben ihn allein in der Landeshauptstadt mit bislang knapp 20 000 Besuchern an. Am Sonntag folgte in der Schiersteiner Christophoruskirche die 75. Aufführung - wieder mit mehr als 200 Besuchern.
Aufführungsleiter Michael Graf Münster hatte die Kantate 113 „Herr Jesu Christ, du höchstes Gut“ von Johann Sebastian Bach in seiner Konzerterläuterung als eine mit hoher Ausdruckskraft gelobt. Während man heute Musik oft nur mit Technik und Emotion verbinde, seien beim Leipziger Kantor Grundüberzeugungen entscheidend: „Gottes Lebendigkeit trägt“, sagte er zum Tenor der Kantate. Empfindungen wie Furcht, Zittern und Pein wandelten sich zur freudigen Erfahrung des Menschen, „dass mir das Herze wieder lacht“.
Der Propst für Süd-Nassau, Sigurd Rink, der den liturgischen Teil der Vesper gestaltete, brachte in seiner Predigt Dietrich Bonhoeffers Wort von der Gnade ein. Der Widerstandskämpfer im Dritten Reich habe in seinem Buch „Nachfolge“ den heute vielleicht sperrigen Begriff der Gnade beschrieben, ein Topos, der auch bei Bach eine wichtige Rolle spiele. Im Wesen des Menschen liege es, dass sich sein Alltag verdunkle und er schuldig werde. Bonhoeffer war, so Rink, davon überzeugt, dass nur Gott dem Leben Gnade zuwenden könne. Dann werde der Mensch frei, nicht das Beliebige zu tun, sondern das Rechte zu wagen. „Tritt aus dem ängstlichen Zögern heraus“, zitierte er den protestantischen Theologen. Aus der Einsicht eigenen Fehlverhaltens erwachse nach Bonhoeffers und Bachs Auffassung Befreiung.
Befreiendes vernahmen die Zuhörer in der Aufführung der Kantate mit den Solisten Esther Dierkes (Sopran), Jennifer Kreßmann (Mezzosopran), Sören Richter (Tenor), Björn Bürger (Bariton), der Kantorei St. Katharinen und dem Bach-Collegium. Die Sänger und Musiker gaben der Überzeugung Ausdruck, dass göttliche Gnade dem gelte, der wahrhaft glaubt. Rink bat zum Schluss dafür, dass Zuwendung zugleich konkret den Kälteopfern in Europa und den Menschen in den Konflikten in Syrien wie zwischen Iran und Israel gelten müsse.

