Kleine Denkmäler für Nazi-Opfer
04.09.2010 - KASTEL
Von Wolfgang Wenzel
STOLPERSTEINE Weitere Verlegungsaktionen in der Kasteler Eleonorenstraße und vor der Amöneburger Kirche
Weitere Stolpersteine wollen das Aktive Museum Spiegelgasse sowie eine Arbeitsgruppe des Ortsbeirats an ausgewählten Stellen ins Trottoir einlassen. Sie sollen auf Schritt und Tritt an die Menschen erinnern, die von den Nazis umgebracht wurden, weil sie Juden waren oder Widerstand leisteten. Der nächste Termin ist am 20. September in der Eleonorenstraße 16.
Vor dem stattlichen Haus erinnert bereits eines der pflastersteingroßen Mahnmale an den jüdischen Pharmazeuten Dr. Julius Thilo, der hier lebte, bevor er in Auschwitz ermordert wurde. Mit ihm zuammen wohnten drei weitere jüdische Familien in dem Anwesen, die von den Nazis am 20. März 1942 in das zu einem Ghetto umgewandelte Schtetl in der ostpolnischen Stadt Piaski deportiert wurden. Itta und Abraham Laub, Marie und Moritz Oppenheim, Selba und Heinrich Wolff, diese Namen werden auf Stolpersteinen stehen.
Die zweite Verlegungsaktion ist für den von dem Stadtverordneten Hartmut Bohrer geleiteten Arbeitskreis von einer besonderen Bedeutung. Diesmal ist nicht der Künstler Gunther Demnig als Initiator der Stolpersteine beteiligt, wohl aber Nachfahren der umgebrachten Bürger, die damals Kinder waren und selbst nicht in Kastel wohnten, sondern auf oft wundersame Weise ihr Leben gerettet bekamen. Einer der beiden Söhne des Ehepaares Laub gelangte nach Palästina, der andere, heute 86 Jahre alt, lebt in der Schweiz und kommt zu dem bewegenden Ereignis am 20. September nach Kastel. Ebenfalls angesagt hat sich Raymond Wolff, ein Enkel des Ehepaares Wolff, dessen beide Söhne in den 30er Jahren ins Exil nach Amerika gingen und der heute in Berlin wohnt. Nur mit den Nachfahren des Ehepaares Oppenheim konnte der Arbeitskreis keinen Kontakt mehr aufnehmen. Sohn Alfred verstarb 1955 im argentinischen Buenos Aires.
Auch die Spurensuche nach den drei jüdischen Ehepaaren, die 1942 aus der Eleonorenstraße vertrieben wurden, ist noch nicht abgeschlossen. Vielleicht hilft ein Wink, eine glückliche Fügung: „Man nimmt an, dass sie im Konzentrationslager Belcek ermordet wurden“, sagte Hartmut Bohrer.
Die Namen der umgebrachten jüdischen Bürger aus Kastel und Kostheim seien schon heute in einer Dauerausstellung im Rathausfoyer am Schlossplatz zu lesen, wo alle Menschen aus Wiesbaden alphabetisch von A bis Z aufgeführt seien, die in der Nazizeit ums Leben kamen. Und sie würden auch in der künftigen Gedenkstätte „Namentliches Gedenken“ am Michelsberg aufgeführt, die sich im Bau befindet und 2011 eingeweiht werden soll.
Mit den Stolpersteinen aus Messing wolle der Arbeitskreis jedoch auch alle in Erinnerung rufen, die als Sozialdemokraten, Kommunisten und Kirchenleute Widerstand leisteten und nicht selten ins Konzentrationslager kamen.
Meistens seien aufwändige Recherchen und Befragungen nötig, um korrekte Angaben für die Beschriftung der Stolpersteine und über die Orte zu erhalten, an denen sie eingelassen werden. Ein Beispiel sei die schwierige Suche nach dem dem Haus gewesen, in dem der Kasteler Sozialdemokrat Johann Juli gelebt hatte. Dreimal habe es in der Straße In der Witz die Hausnummer gewechselt: „Jetzt liegt der Stein richtig“, sagte Hartmut Bohrer.
In Amöneburg soll bei einer dritten Verlegungsaktion ein erster Stolperstein gesetzt werden, und zwar vor der katholischen Kirche Maria Immaculatas, wo 1933 der Pfarrer Johann Baptist Schubert gegen die Nationalsozialisten predigte und deswegen verfolgt wurde. Für dieses Mahnmal übernehme die Kirchengemeinde die Patenschaft.

