Chemie-Standort bleibt erhalten
28.07.2010 - BIEBRICH/AMÖNEBURG
Von Wolfgangr Wenzel
CHEMAGIS Firma Sigam übernimmt Produktion pharmazeutischer Wirkstoffe / Sechs Entlassungen
Abgewendet haben Pharmamanager einen industriepolitischen Aderlass am Chemiestandort Kalle-Albert. Die Produktion der einstigen Chemagis wird nicht komplett nach Indien verlagert, sondern von dem neu gegründeten Unternehmen Sigam fortgeführt. „Wir haben hart dafür gekämpft, dass der Standort nicht geschlossen wird, sondern eine Zukunft hat“, sagte Direktor Dr. Holger Faasch.
Mit 66 Mitarbeitern stellt Sigam Wirkstoffe für die pharmazeutische Industrie her. Das israelisch-amerikanische Chemagis kündigte im vorigen Jahr an, die Anlagen zu verschiffen und nahe der indischen Metropole Bombay wieder hochzuziehen. Das neue Unternehmen Sigam, hinter dem eine von mehreren Privatinvestoren mit Kapital ausgestattete Sigam-Holding steht, erwarb das Geschäft im Industriepark im April, berichtete deren Direktor Philip Borbely.
Die Produktion von Sigam befindet sich in einem Umbruch. Momentan stellt das Unternehmen zwei Hauptprodukte her, Pentoxifillyn zur Durchblutungsförderung und Fenofibrat zur Cholesterinsenkung, dessen Fertigung im Industriepark allerdings auslaufen und von Chemagis in Indien fortgeführt werden soll. Auslasten wolle Sigam seine Fertigung bei Kalle-Albert durch die Aufnahme von Lohnaufträgen für andere Unternehmen in Produktgruppen wie Pharmawirkstoffe und Feinchemikalien, sagte Dr. Faasch. Bei den Anlagen handele es sich um Standards für die chemisch-pharmazeutische Industrie, die mühelos auf andere Produkte umgestellt werden könnten.
Mit der früheren Muttergesellschaft Chemagis bestehe ein auf anderthalb Jahre befristetes Lohnfertigungsabkommen zur Herstellung von Pentoxifyllin, einem Wirkstoff, der in den früheren Chemischen Werken Albert entwickelt worden sei und seit 1972 hergestellt werde. Die Unternehmensleitung rechne damit, dass die Option auf eine Verlängerung des Abnahmevertrags durch Chemagis erhalten bleibe. Momentan gehe die Produktion von Sagim zu 100 Prozent in den Export nach Israel. Künftig sollen die Absatzschwerpunkte in Deutschland und Europa liegen.
Nach dem Wechsel der Eigentümerschaft, die im April griff, ging ein Aufatmen durch die Belegschaft. Sechs Beschäftigte sollen im September gehen, Geschäftsleitung und Arbeitnehmervertretung schlossen einen Sozialplan ab. Dem Gremium sei nichts anderes übrig geblieben, als zuzustimmen, sagte der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Roland Baumann. Der Preis dafür, dass ein Großteil der Mitarbeiter bleiben könne, sei klein, zumal bei Entgelt und Arbeitskonditionen keine Änderungen ins Haus stünden. Ohne einen Verkauf wäre der Standort schon geschlossen. Daher sei der Versuch, das Unternehmen auf neue Beine zu stellen, auf jeden Fall ein Erfolg, so Baumann.

