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Wiesbadener Tagblatt

Hessen 

Zweifel an Entstehung der Doktorarbeit von Bundesministerin Kristina Köhler

15.01.2010 - WIESBADEN

Von Christoph Cuntz

Viele haben sich darüber gewundert, als im November die Bundestagsabgeordnete Kristina Köhler mit 32 Jahren Bundesfamilienministerin wurde. Und manche, die Süddeutsche Zeitung etwa, haben zu recherchieren begonnen, wie die Wiesbadenerin als Abgeordnete nebenher ihre Doktorarbeit schreiben konnte. „Gerechtigkeit als Gleichheit? Eine empirische Analyse der objektiven und subjektiven Responsivität von Bundestagsabgeordneten“ lautete der Titel der im vergangenen Jahr vorgelegten Arbeit, die sie bei dem Mainzer Politikwissenschaftler Jürgen Falter geschrieben hatte. Ihr ging es dabei um die Frage, ob Abgeordnete und Parteimitglieder die gleichen Wertvorstellungen haben. Und sie hatte, um Antworten zu bekommen, 180 CDU-Abgeordnete angeschrieben und weitere 1.000 Bögen an CDU-Mitglieder verschickt.

CDU-Mitarbeiter halfen

Der damalige CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla habe ihr den Zugriff auf die Mitgliederdatenbank der Partei erlaubt, schrieb die Süddeutsche. Die Zeitung sah die ehrgeizige Aufsteigerin getragen von einem „schwarzen Netz“. Schließlich hatte die Recherche ergeben, dass Mitarbeiter des Konrad-Adenauer-Hauses die Fragebögen verschickt hatten. Auf Kritik stieß vor allem, dass es der Abgeordneten gelungen war, den wissenschaftlichen Mitarbeiter ihres Doktorvaters als Mini-Jobber zu engagieren. Der hatte die Fragebögen, die an die Abgeordneten versandt wurden, gestaltet, bei deren Auswertung geholfen und die Dissertation layoutet.

Der erste Zeitungsbericht war ein Ärgernis für die frisch gebackene Ministerin. Ein Nadelstich. Schmerzhaft muss es für sie geworden sein, als die Bild-Zeitung zu recherchieren begann. Die Wiesbadenerin beauftragte eine Hamburger Kanzlei, ausgerechnet jene, in der ihr künftiger Ehemann Ole Schröder gearbeitet hatte, bis er Staatssekretär wurde.

Kanzlei drohte

Die Kanzlei schrieb – kurz vor Weihnachten – einen geharnischten Brief an Bild-Chefredakteur Kai Diekmann. Man werde eine mögliche Berichterstattung über Köhlers Doktorarbeit auf Punkt und Komma prüfen, hieß es sinngemäß. Man werde vorgehen „gegen eine unzulässige, rechtswidrige oder tendenziöse Berichterstattung“, gegebenenfalls ein Schmerzensgeld geltend machen, das einen sechsstelligen Betrag erreichen könne. Denn: „Unsere Mandantin wird es nicht zulassen, dass ihr guter Ruf durch eine wie immer geartete nicht rechtskonforme Berichterstattung beeinträchtigt wird“.

Man hat Kristina Köhler diese Reaktion als unprofessionell ausgelegt. Bild-Chefredakteur Diekmann erwies sich indes als professioneller Publizist. Er hat sich auf seiner Internet-Seite auf Kosten der Ministerin lustig gemacht. Unter der Überschrift „Anwalts Liebling“ schrieb er ihr einen offenen Brief, in dem er sich erstaunt zeigte über die Drohung der Hamburger Kanzlei. Dabei habe die Bild-zeitung doch nur um eine Stellungnahme zu ihrer Doktorarbeit gebeten. Eine solche Drohung „kurz vor Weihnachten? Dem Fest der Liebe?“ Zum nächsten Interview, prophezeite Diekmann, werde die Bildzeitung an Stelle eines Journalisten einen Juristen schicken.

Jetzt haben Diekmann und Köhler Frieden geschlossen. Für den hat die Ministerin Lehrgeld zahlen müssen. So ist in Diekmanns Internet-Blog nun ein längeres Interview mit der Ministerin über ihre Promotion zu lesen. Der Chefredakteur hat seine Prophezeiung vom Dezember augenscheinlich wahr gemacht und zu diesem Gespräch „unseren schreibenden Rechtsexperten“ geschickt, „einen Dr. jur.“, der „seine Promotion übrigens ganz ohne Hilfe seines Assistenten geschafft“ habe.

So war es nicht

Die Fragen, denen sich Kristina Köhler stellen musste, haben es in sich. Da ist die Rede von Zweifeln daran, dass sie ihre Doktorarbeit eigenständig gefertigt habe. Unterstellt werden Interessenkonflikte, wenn der Assistent des Doktorvaters, der ein erstes Votum zur Promotion abgibt, gleichzeitig den Promovierenden betreut.

„So war es nicht. Und deshalb hat sich daraus kein Interessenkonflikt ergeben“, antwortet die Ministerin. Als Doktorandin sei sie im übrigen froh gewesen über jede Unterstützung. Die eigenständige wissenschaftliche Arbeit sei davon „in keiner Weise berührt“.

Man werde sich zu dem gesamten Vorgang nicht äußern, so am Donnerstag eine Sprecherin des Bundesfamilienministeriums in Berlin, die sich namentlich nicht zitieren lassen wollte. „Alles, was dazu zu sagen ist, ist in Kai Diekmanns Blog gesagt."

Kristina Köhler. Archivfoto: RMB / Friedrich Windolf

Kristina Köhler. Archivfoto: RMB / Friedrich Windolf

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