STRAHLENSENSIBILITÄT Wiesbadenerin in Ärzteorganisation engagiert
Die in Wiesbaden als Kinder- und Jugendpsychiaterin praktizierende Annette Bänsch-Richter-Hansen ist seit 1982 Mitglied der Ärzte-Organisation gegen den Atomkrieg. Wir sprachen mit ihr über ihre Beweggründe für das Engagement.
Sie arbeiten intensiv mit in der IPPNW, nehmen an Kongressen etwa in Moskau oder auch an der kürzlichen Anti-Atom-Demo in Berlin teil. Was treibt Sie - und was bedeutet die Abkürzung?
IPPNW ist die Abkürzung der englischen Bezeichnung für "Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs, Ärzte in sozialer Verantwortung". Die Vereinigung war in der Zeit des Kalten Krieges von einem amerikanischen und russischen Wissenschaftler gegründet worden, und die deutsche Sektion folgte 1982 unter anderem dank der Initiative des Psychoanalytikers Horst-Eberhard Richter. Damals war ich eines der ersten Mitglieder, heute sind es rund 7000 Ärzte, nach Tschernobyl waren es über 10000. Wir wollen über die gesundheitlichen, sozialen und politischen Konsequenzen von Atomtechnologie aufklären.
Warum wurde das ursprüngliche Ziel, einen Atomkrieg zu verhindern, auf die generelle Bekämpfung der Atomenergie ausgeweitet?
Das ist eine Änderung beim IPPNW Deutschland, über die sich die Mitglieder der schwedischen Sektion ebenfalls schon gewundert haben. Aber uns Deutschen ist nach Tschernobyl klar geworden, dass auch zivil genutzte Atomenergie keinesfalls friedlich ist, sondern das erforderliche Plutonium liefert. Außerdem bringt schon der alltägliche Normalbetrieb einer Atomanlage zweierlei gesundheitliche Risiken mit sich - mit der Endlagerung des Atommülls und durch die Strahlung mit "erlaubten Emissionen" in der AKW-Umgebung: Die Studie "Kinderkrebs in der Umgebung von Kernkraftwerken" hat erwiesen, dass das Risiko eines Kleinkindes, an Krebs und speziell an Leukämie zu erkranken, mit der wohnlichen Nähe zu einem solchen Kraftwerk wächst.
Das wurde schon 2007 veröffentlicht...,
...aber ohne dass die von unserer Ärzte-Vereinigung geforderten Konsequenzen gezogen worden wären: Die Betroffenen in der Umgebung eines Kernkraftwerkes werden nicht über die Risiken aufgeklärt, und man trägt auch nicht der Tatsache Rechnung, dass die Strahlensensibilität eines Kleinkindes, Fötus oder Embryos eindeutig größer ist als die eines Erwachsenen. Also müssen die Berechnungsmodelle zur Dosisabschätzung, der "Reference-Man" geändert und durch ein "Reference-Embryo" ersetzt werden. Den Sinn einer solchen Änderung hat der Leiter des deutschen Kinderkrebsregisters erst jetzt in einer Ärzte-Fachzeitschrift bestätigt. Abgesehen davon werden die Messungen der radioaktiven Emissionen nach wie vor von den AKW-Betreibern selbst durchgeführt.
Und welche Gefahren sehen Sie bezüglich des zu lagernden Atommülls?
Die Probleme einer Endlagerung wurden, wie jetzt von Greenpeace aufgedeckt, schon 1996 vom Strahlenschutz-Bundesamt bezüglich des Atommülllagers Asse aufgezeigt. Schon damals warnte man davor, dass es bei einem Wassereinbruch zur Gefährdung des Trinkwasser durch Radioaktivität kommen könne. Ich fürchte infolge der Atomenergie Strahlenschäden beziehungsweise Krebserkrankungen in großer Zahl. Abgesehen von diesen Aspekten gäbe es mit erneuerbaren Energien mehr Frieden in der Welt.
Inwiefern?
Ich glaube, dass die Amerikaner nicht aufgrund der Terrorgefahr in Afghanistan sind, sondern aus energiepolitischen Gründen.
Ihre pragmatische Forderung für die Zukunft?
Alle AKW sofort abschalten. Es ist ein Märchen, dass der Strom dann nicht reicht und zu viele Arbeitsplätze verloren gingen. Die großen Energiekonzerne behindern vielmehr die Entwicklung erneuerbarer Energien, deshalb sind auch die Kurse von den Stromriesen nach der Wahl gestiegen. Also müssen die Bürger Verantwortung übernehmen und beispielsweise Naturstrom nutzen.
Das Gespräch führte
Angelika Eder

