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Wiesbadener Tagblatt

Wiesbaden 

Auf der CISV-Wolke um die Welt

05.10.2009 - TAUNUSSTEIN

Von Anja Baumgart-Pietsch

INTERNATIONALE FREUNDSCHAFTEN Marco sehnt den elften Geburtstag herbei - dann sind Keeses komplett dabei

Die "CISV"- Wolke - auf der schweben immer alle, die von den Veranstaltungen zurückkommen", lacht Celine Sturm. Die 19-jährige ist begeisterte Teilnehmerin der verschiedenen Camps, die diese Organisation anbietet und mittlerweile auch selbst in der Betreuerriege aktiv.

CISV war die Abkürzung für "Children´s International Summer Village", erklärt Uschi Keese, die von Taunusstein aus ehrenamtlich die Geschäftsstelle des Vereins leitet, der für internationale Jugendbegegnungen seit 1951 sorgt. Mittlerweile hat sich die Angebotspalette erweitert - und nicht nur Kinder sind angesprochen: Es gibt Programme für jedes Alter, und daher nennt sich die Organisation jetzt auch nur noch "CISV - Building global Friendship", also "Aufbau globaler Freundschaften".

Die Organisation wurde von der Amerikanerin Doris T. Allen mit dem Ziel, einen Beitrag zur Friedenserziehung junger Menschen zu leisten, gegründet. Sie war der Meinung, mit internationalen Beziehungen auf menschlicher Ebene könne nicht früh genug begonnen werden, am besten schon im Kindesalter.

Bereits im Gründungsjahr fand das erste "Village" genannte Camp mit 60 Kindern aus zehn Ländern in Cincinnati statt, an dem auch eine deutsche Delegation teilnahm. Bald gab es das erste deutsche Village. Seit der Gründung haben über 150000 Kinder und Jugendliche an mehr als 4000 internationalen Programmen teilgenommen.

Zu Zeiten des Kalten Krieges war CISV eine der wenigen Jugendorganisationen, an deren Camps Kinder aus beiden Blöcken teilnahmen. 1979 wurde Doris Allen in die Vorschlagsliste für den Friedensnobelpreis aufgenommen.

Das Prinzip der Begegnungen ist stets eine Gruppenbegegnung mit möglichst vielen internationalen Teilnehmern. Mit dem "Village" für Elfjährige fängt es an, dann kommt das "International Summer Camp" für 14-Jährige, das "Interchange"-Programm für Zwölf- bis 15-Jährige bietet Famlienaustausch mit Privatunterbringung. Beim "Youth Meeting", sind Zwölf- bis 19-Jährige angesprochen, die sich künftig aktiv beim Mitorganisieren beteiligen wollen, beim "Seminar Camp" können 17- und 18-Jährige anhand eigener ausgewählter Themen miteinander ins Gespräch kommen und den Fokus auf positive Konfliktlösungen legen. Das "International People´s Project" schließlich steht auch Erwachsenen offen und bietet die Chance, sich in sozialen oder anderen Hilfsprojekten zu betätigen.

"Es kommt nicht in erster Linie auf das Reise-Land, sondern auf den Kontakt mit vielen jungen Menschen aus aller Welt an", erklärt Uschi Keese. Die "Camps" dauern eine bis vier Wochen und widmen sich mit Spielen, Kommunikation, Diskussion und gemeinsamem Alltags-Erleben unterschiedlichsten Themen. Dabei sollen sich, so die Idee, die Teilnehmer nicht nur kennenlernen und Freundschaften schließen, sondern auch ihre Länder vorstellen und dabei helfen, Vorurteile abzubauen.

Das funktioniert ausgezeichnet, sagen auch die beiden Töchter von Uschi Keese, Lara und Nina. Sie waren bereits mit elf Jahren erstmals dabei und seitdem fast jedes Jahr. Sie kennen Kanada, Kolumbien, Finnland, Italien und Schweden - und dazu noch andere Jugendliche aus viel mehr Ländern.

Ziel der Camps ist auch nicht vorrangig, das Land touristisch kennenzulernen. "Es gibt zwar während der Camps Ausflüge", erklärt Uschi Keese, "aber die meiste Zeit wird in der Gruppe verbracht, die in Schulen oder ähnlichen Gebäuden untergebracht ist". Daher werden immer die nationalen Ferien als Termin ausgewählt, damit die Schulen zur Verfügung stehen.

Die Wiesbadener, eine von zehn "Chapters" des deutschen CISV-Vereins, können die Johannes-Maaß-Schule nutzen. In diesem Sommer fand ein "Village" für Elfjährige statt. Die von allen gemeinsam gesprochene Sprache ist Englisch. Und auch wenn die Elfjährigen noch nicht viel Englisch können - "irgendwie klappt die Verständigung immer", weiß Celine Sturm, die als Betreuerin jedes Mal begeistert ist, welches Selbstbewusstsein, welche Kontaktfreudigkeit die Kinder entwickeln.

Ihr eigenes Englisch hat natürlich sehr profitiert - alle sprechen mittlerweile akzentfrei und mit riesigem Wortschatz. Über "Facebook" und andere Internetplattformen ist es einfach, in Kontakt miteinander zu bleiben. Was die Jugendlichen auch praktizieren: Weitere Besuche zwischen Teilnehmern der Camps sind Standard, "viele fahren nach dem Abitur um die ganze Welt und brauchen nur die Flugtickets - Freunde in allen Ländern beherbergen sie gern", sagt Uschi Keese und stellt den derzeitigen Gast in ihrem Hause vor: Petra Komel aus Slowenien, deren Eltern sie abholen und mit Keeses ebenfalls gut bekannt sind. "Es entstehen ja auch Freundschaften zwischen den Eltern", freut sich die Geschäftsstellen-Leiterin und erklärt, dass Eltern sich beteiligen sollen, wenn sie ihre Kinder per CISV ins Ausland schicken: "Wir sind kein Sprachreisen-Veranstalter, und man gibt das Kind auch nicht einfach bei uns ab!" Beteiligung an den Camps und andere Hilfen sind erwünscht, die Vereinsaktivitäten basieren auf Geben und Nehmen.

Einen Sponsor oder öffentliche Fördertöpfe hat CISV nicht - bis auf örtliche Sponsoren, die gerade in Wiesbaden die Camps mit Sach- und Geldspenden unterstützen. Das bedeutet aber auch, dass die Aufenthalte nicht umsonst sind, sondern ab 800 Euro Kosten auf die Familien zukommen. Als Gegenleistung erhalten die Kinder Wochen, in denen Weltoffenheit und Selbstvertrauen geweckt werden, internationale Freundschaften, thematische Anregungen und eine gute Rundum-Betreuung, so Uschi Keese. "Wer einmal dabei war, macht meist alle Programme mit und wird später oft selbst Betreuer." Das ist ganz im Sinne der Erfinderin, die durch persönliche Begegnungen ganz praktische Friedensarbeit leisten wollte.

Wer sich für das Angebot interessiert, kann in der jährlich stattfindenden zentralen Informationsveranstaltung am 29. November in der Wiesbadener Maria-Hilf-Kirche nähere Infos erhalten. In den Startlöchern steht auf jeden Fall schon Marco, der zehnjährige Sohn der Familie Keese. "Er wartet sehnsüchtig auf seinen elften Geburtstag, denn dann kann er endlich auch einmal an einem `Village` teilnehmen", schmunzelt die Mutter.

Wer bei den monatlichen Treffen der Jugendlichen des "Chapters Mainz/Wiesbaden" mal reinschnuppern will, sei ebenfalls herzlich willkommen, unterstreichen die Keese-Schwestern und Celine Sturm. Sie sind rundum begeistert - das ist eben die "CISV-Wolke", auf der auch sie immer wieder schweben, ob sie nun aus Toronto, Florenz oder Kiel heimkehren. "Kein Kind hat jemals Heimweh", sagt Uschi Keese. "Sie kommen alle positiv verändert wieder: Ein ganzes Stück erwachsener, selbstbewusster und offener."

Ende der Serie

Lesen Sie ab morgen:

Die Amis in Wiesbaden

Celine Sturm, Nina Keese, Petra Komel, Lara und Uschi Keese (von links) sind begeisterte "CISVler".RMB/Wolfgang Kühner


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