Von Bertram Heide
GRENZGÄNGERIN Zwischen Heimweh und Hoffnung wagt junge Litauerin den Sprung nach Westen
"Eigentlich wollte ich in Litauen bleiben, aber ich brauchte vor allem meine Mutter in dieser Phase meines Lebens." Sandra Poskaité entschloss sich als 16-Jährige, aus Jurbarkas in Litauen nach Wiesbaden zu kommen.
Viel musste der Teenager zurücklassen, die Freunde, das gesamte Umfeld und auch die Oma. Bis zur neunten Klasse hatte sie die Realschule in ihrer kleinen Heimatstadt besucht, dann wagte sie den großen Sprung nach Westen und lebt heute immer noch zwischen Hoffnung und Heimweh.
Sandra bewegt sich zwischen zwei Welten, in denen sie sich aber wohlfühlt. Nach zehn Tagen Kurzurlaub in Litauen, verbunden mit einer jeweils 20-stündigen Busfahrt, ist sie froh, jetzt wieder in Wiesbaden zu sein.
Als sie das erste Mal in Wiesbaden ankam, hatte sich die junge Frau schon einiges vorgenommen. "Als erstes habe ich über ein halbes Jahr einen Deutsch-Intensivkurs gemacht", erzählt sie. TrotzdemHINTERGRUND war es auch danach schwer, wieder in eine Realschule zu gehen. "Ich habe das abgebrochen, ich habe einfach zu viel im Unterricht überhaupt nicht verstanden", sagt sie und bedauert das im Nachhinein. Die junge Frau schaut trotz allem nach vorn. "Was die jungen Leute heute machen, die ganzen Drogen, der Alkohol und das Rummachen mit vielen Partnern, das verstehe ich einfach nicht", sagt die 19-Jährige.
Sie will sich ganz bewusst in eine für sie völlig neue Welt integrieren. "Ich will irgendwann einmal auf mich stolz sein können und ich will auch, dass meine Mama auf mich stolz ist, denn die hat viel dafür getan, dass ich vor drei Jahren nach Wiesbaden kommen konnte", sagt sie. Und deswegen versucht Sandra jeden Tag, ihre Sprachkenntnisse zu verbessern. "Irgendwann wird Deutschland dann auch mein Land sein, die Sprache ist das Wichtigste, wenn ich hier leben will", ist Sandra Poskaité überzeugt.
Ihrer Mama auf der Tasche liegen will sie nicht, verdient sich nebenbei ein paar Euro im Monat. An der Volkshochschule ist sie zweimal in der Woche, um ihren Schulabschluss nachzumachen. Und an drei Tagen in der Woche arbeitet sie in der städtischen Kindertagesstätte Hellkundweg. Als Praktikantin, ohne Bezahlung und eigentlich auch ohne eine Chance auf Übernahme in eine feste Anstellung, aber trotz allem mit großer Freude.
Die Arbeit mit den Kindern macht ihr Spaß - und sie lernt von den Kindern mit. Ihr Credo: "Ohne die Sprache kann ich in diesem Land nichts machen."
Umso mehr ärgerte sich Sandra, als in der Volkshochschule im Unterricht, es ging eigentlich um das politische System der Demokratie in der Bundesrepublik, diskutiert wurde. "Eine junge Polin, drei Jahre älter als ich, hat gesagt, die deutsche Sprache wäre für sie völlig unwichtig. Warum sie lernen sollte, hat sie gefragt, sie könnte ja später immer noch irgendeine Arbeit finden, als Putzfrau, in der Gastronomie oder so", ist Sandra Poskaité heute noch empört. Überzeugen konnte sie ihre "Schulkameradin" letztlich nicht. "Als dieser Spruch kam, bin ich wirklich an die Decke gegangen. Ich habe versucht zu erklären, wie wichtig Sprache für das Leben von uns in Wiesbaden ist. Sie hat das nicht verstanden."
Litauen, ihre Heimatstadt Jurbarkas, hat sie nicht gern verlassen. Als Jugendliche sah sie allerdings auch keine Chance für eine gesicherte Zukunft und für ihren großen Traum nach einem schönen Beruf, einer eigenen Familie und Kindern.
"Wenn es hart auf hart kommt, muss man eben irgendwohin gehen, wo es einfach besser ist", sagt die junge Frau. Da hört man schön etwas Bitterkeit heraus, obwohl sie ihren großen Schritt nach Wiesbaden nie bereut hat.
"Ich habe doch gesehen, wie die Menschen in Litauen kaputt gehen. Wenn es viel ist, haben die vielleicht 200 Euro im Monat, und davon kannst Du keine Familie und keine Kinder ernähren. Die Kinder haben nicht, was sie brauchen und die Eltern haben das Geld nicht, den Kindern etwas zu kaufen und für die Kinder anständig zu sorgen. Das ist total frustrierend."
Litauen, schwärmt Sandra Poskaité, ist ein wunderschönes Land, aber es könne den Menschen nichts bieten, um wirklich dort auch existieren zu können. "Wir haben kein richtiges Parlament. Und sie geben uns keine richtige Bildung und keine Jobs", ärgert sich die 19-Jährige - sehnt sich aber trotzdem ab und an doch zurück in ihre kleine Heimatstadt an der Memel mitten in einer wirklich herrlichen Landschaft.
Wenn sie wieder ein paar Euro zusammen und auch Urlaub hat, wird Sandra Poskaité wieder in den Bus steigen. Der fährt zweimal in der Woche, ab Frankfurt, holt Fahrgäste aber auch in Wiesbaden ab.

