Von Anja Baumgart-Pietsch
Leos Lesestunde in der Fasanerie
Nicht Knut, sondern Kuno heißt der Bär, der seinen Abdruck in Gips hinterlassen hat. Die kleinen Gäste von "Leos Lesestunde" in der Fasanerie beäugen die große Bärentatze ehrfürchtig. Endlich mal richtig gutes Ferienwetter am Lagerfeuer auf der Gänsewiese - dafür muss man eine ganze Weile lang einen Parkplatz suchen. Aber rund zwanzig Kinder mit ihren Eltern, Omas und anderen Begleitern haben den Weg zu Irmtrud Wendlings Lese- und Erzählstunde gefunden, die jeden Monat in der Fasanerie als Gemeinschaftsaktion mit dem Wiesbadener Tagblatt stattfindet. Dieses Mal geht es um die Bären - und die werden natürlich später auch noch "live" gefüttert. Fleisch gab es schon am Morgen - das wäre etwas zu blutig für die Kinderaugen, sagt Irmtrud Wendling. Stattdessen stehen zwei Päckchen Katzen-Trockenfutter und ein großer Eimer mit Paprika, Tomaten und anderem Gemüse bereit. Doch zunächst gibt es wieder einige Märchen zu hören, die die Erzählerin aus ihrem großen Fundus an Kinderbüchern ausgesucht hat. Darunter sind auch seltenere Texte, die man nicht so oft findet - obwohl sie manchmal an bekanntere Märchen erinnern. Zum Beispiel das vom Fuchs "Kratzfuß", der im Haus der drei Bären einbricht und im Bettchen des Jüngsten einschläft, nachdem er sich am Essen gütlich getan hat - das gab´s auch mal bei Walt Disney. Und das zauberhafte indianische Märchen von den beiden Kindern "Kato und Wabi", die sich auf der Flucht vor der bösen Stiefmutter im Wald verstecken und auf eine böse Hexe treffen, die den Jungen in einen weißen Hirsch verwandelt - richtig, "Brüderchen und Schwesterchen", darauf kommt ein kleines Mädchen aus der Runde schnell. Aber es geht neben den Märchen natürlich auch um die Tiere in der Fasanerie. Irmtrud Wendling erzählt davon, wie die ersten Bären in den Tierpark kamen - es waren zwei "alte Zirkusdamen", wie sie berichtet, denen man das Leben "an der frischen Luft" erstmal beibringen musste. Denn ihr "Herrchen", ein betagter Dompteur, war zum Schluss nur noch mit ihnen im Garten Gassi gegangen. Außerdem berichtet die Fasanerie-Mitarbeitern von den Zahn-Operationen der beiden Bärinnen, die mit einer eigens gebauten Holzkiste nach Schierstein in eine Tierarztpraxis verfrachtet werden mussten, damit ihre Zähne gezogen werden konnten. "Der Tierarzt hat das mit seinen Arztinstrumenten gar nicht geschafft und musste den großen Werkzeugkasten nehmen", erzählt Irmtrud Wendling. Jetzt sind neben dem großen "Chef-Bären" Kuno zwei andere Bärinnen im Gehege, sie seien durchaus gefährliche Tiere, wie die Kinder erfahren. "Die Tierpfleger dürfen da nur rein, wenn die Bären eingesperrt sind - im Gegensatz zu den Wölfen, die sind viel ängstlicher", sagt sie. Die Wölfe übrigens sind "aus reinem Futterneid", wie Irmtrud Wendling sagt, auch zu Obst- und Gemüseliebhabern geworden. "Die fressen hier auch Bananen und Paprika, weil sie das bei den Bären gesehen haben" - die Kinder wollen es gar nicht glauben. "Bananen fressen doch nur die Affen", meint ein Knirps. Nicht so in der Wiesbadener Fasanerie - hier gibt's also immer was zu entdecken, und bei Leo´s Lesestunde sowieso. Irmtrud Wendling macht im August erst einmal Pause. Die Veranstaltungsreihe geht dann im September weiter mit Märchen von den Hirschen und der Hirsch-Brunft.

