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Wiesbadener Tagblatt

Wiesbaden 

Die kleine Elisabeth wird Königin von Rumänien

27.04.2007

Von Hans Dieter Schreeb

Nach Paulines Enkelin ist die Straße hinauf zum Schlösschen benannt/Als Carmen Sylva schrieb sie Gedichte

Derzeit werden viele Gebäude, die für Wiesbaden prägend sind, hundert Jahre alt - das Kurhaus etwa oder das "Landeshaus" am Kaiser-Friedrich-Ring. Eines der Gebäude, das sehr vom Bauboom der Kaiserzeit profitierte, war das "Paulinenschlösschen" über der Sonnenberger Straße. Vor hundert Jahren rückte es sozusagen in den Mittelpunkt des Stadtgeschehens.

"Ich sah früh, im Salon meiner Großmama, wie man sich benehmen müsse, und fand ihre Art, mit den Menschen zu verkehren, so liebenswürdig und entzückend, dass ich mir´s unbewußt als Vorbild nahm", mit diesen Worten im Rosamunde-Pilcher-Stil erinnert sich die Enkelin Carmen Sylva an ihre Großmutter, die Herzoginwitwe Pauline von Nassau und an deren Haus, das Paulinenschlösschen am damaligen Stadtrand von Wiesbaden. Als Kind war Elisabeth Prinzessin zu Wied-Neuwied, die spätere Königin von Rumänien und gleichzeitig die etwas verkitschte Dichterin Carmen Sylva, einige Male und zwar jeweils für Wochen bei der Großmama zu Besuch. Im Wiesbadener Stadtplan sind die beiden Frauen verewigt: das Palais der Pauline von Nassau lag an der jetzigen "Prinzessin-Elisabeth-Straße", die sich von der Sonnenberger Straße zur Schönen Aussicht hinaufwindet, während die Paulinenstraße (zumindest auf dem Papier) deren Fortsetzung in die Stadt ist; sie zieht sich vom Kurhaus zur Bierstadter Straße, parallel zur Wilhelmstraße. Liest man nur die Erinnerungen der Carmen Sylva, meint man, beim "Paulinenpalais" habe es sich um ein großbürgerliches Anwesen gehandelt; zwar nicht für jedermann erschwinglich, aber doch auch nicht übertrieben groß und aufwändig. Ganz so war es nun auch nicht: Die Herzoginwitwe verfügte über eine ausgewachsene Hofhaltung. Sie hatte immerhin einen Tross von fünfundzwanzig Damen und Herren um sich. Eine Fürstin in ihrer Position benötigte Sekretäre und Ratgeber, Vorleserinnen, einen Majordomus und so weiter und so weiter. Und dabei sind in dieser Aufzählung die Putz- und Bügelmädchen, die Köche und Köchinnen noch nicht mitgezählt. Wichtig natürlich auch die Gärtner und deren Gehilfen. Der Innenhof des Schlosses war ein kleiner Park, ansonsten rundherum Bäume, Rasen, Blumenrabatte. Carmen Sylva, die dichtende Königin, war mindestens so unglücklich wie ihre Großmutter. Ihr Leben war ein Roman, und wenn die Stadt Wiesbaden sie schon mit einer eigenen Straße ehrt, sollte man auch einige Worte über sie sagen. Sie wurde am 29. Dezember 1843 in Neuwied am Rhein geboren - in eine ausgesprochen musische Familie. Ihr Vater, Fürst Hermann, hatte regelmäßig Dichter, Gelehrte und Künstler zu Gast. Er selbst veröffentlichte unter Pseudonym zwei vom Mesmerismus und Okkultismus beeinflusste philosophische Werke. Die Kindheit der lebhaften und phantasiebegabten Prinzessin Elisabeth war überschattet von schweren Krankheiten ihrer Eltern und ihres jüngeren Bruders. Als Kind kannte sie es nicht anders, immer hieß es: "Psst! Still!!" Um näher bei den ärztlichen Koryphäen zu sein, zog man 1851 nach Bonn um. Elisabeths Mutter führte dort einen Salon, in dem unter anderem Ernst Moritz Arndt und Clara Schumann verkehrten. Bei der Erziehung der Prinzessin wurde besonderer Wert auf Sprachen gelegt. Die kleine Elisabeth lernte Englisch, Französisch, Latein, Griechisch, Ungarisch und Russisch. Ungewöhnlich waren neben dem üblichen Unterricht in Literatur- und Kunstgeschichte die hohen Anforderungen, die die Eltern in den naturwissenschaftlichen Fächern stellten. Andererseits war ihr das Lesen von Romanen verboten. Würde nur den Charakter verderben und ihr Flausen in den Kopf setzen! Elisabeth musste ihr Tagebuch heimlich führen, gewissermaßen unter der Bettdecke. Nach ihrer Konfirmation folgte eine Zeit des Reisens. Sie verbrachte ein Jahr in Paris, mehrere Monate am Hof in Berlin und in Neapel. In St.Petersburg erfuhr sie vom Tod ihres Vaters. 1867 war sie noch in Paris und 1868 in Schweden. Nach Deutschland zurückgekehrt, plante sie eine Zukunft als Lehrerin! 1869 lernte sie bei einem Brahmskonzert Karl von Hohenzollern-Sigmaringen, den damaligen Fürsten Carol und späteren König Carol von Rumänien, kennen. Sie heirateten im gleichen Jahr. Die Biographen sind sich einig: Das Paar war durch Freundschaft und Achtung, nicht durch Liebe verbunden. Elisabeth nahm ihre Aufgabe als Landesmutter sehr ernst. Der Verbesserung des rumänischen Schul- und Erziehungswesens widmete sie viel Zeit und Kraft. Zusammen mit ihrem Mann versuchte sie das orientalisch geprägte Land (im Grunde trennte man sich erst 1877 endgültig vom Osmanischen Reich) politisch und kulturell an Mittel- und Westeuropa heranzuführen. Der Tod ihrer Tochter Marie bedeutete für Elisabeth einen großen Einschnitt. Sie fing an zu schreiben, sah sich plötzlich als begnadete Dichterin. 1881 veröffentlichte sie unter dem Das Schlösschen Pseudonym Carmen Sylva erste (sehr aufwändig gebundene) Gedichte. In dieser Zeit begann auch die Zusammenarbeit mit Mite Kremnitz, der Frau eines deutschen Arztes in Bukarest. Anfangs war man begeistert voneinander; die Königin sozusagen himmelhoch jauchzend. In dieser ersten Phase der Begeisterung machte sie die Kremnitz zu ihrer Vorleserin; sie sollte ihr so nah wie möglich sein. Die beiden Damen brachten dann unter dem Pseudonym Dito und Idem sogar gemeinsame Werke heraus: Gedichtbände, Novellen, Märchen, Romane, Essays und Aphorismen. Ein Teil der dem Volkslied angelehnten Lyrik wurde vertont. Die Begeisterung für Mite Kremnitz erkaltete. Diese goutierte moderne Literaturströmungen wie den Realismus und den Naturalismus, Carmen Sylva verachtete dagegen neumodisches Zeug in Literatur und Kunst von Herzen. Diese Gegensätze und die okkultistischen Neigungen der Kremnitz führten zum Bruch zwischen den beiden Frauen. In ihren späteren Jahren widmete sich die Königin vermehrt sozialen, wirtschaftlichen und karitativen Aufgaben. Sie schuf Bildungseinrichtungen für Frauen und Mädchen und förderte das Frauenstudium. Als Künstlerin war Elisabeth von Rumänien überspannt und weltfremd, als Königin tatkräftig, unkonventionell und erfolgreich. Zu dieser Zeit war Herzogin Pauline bereits viele Jahre tot. Sie starb 1856, 46 Jahre alt an einem Lungenleiden - Schwindsucht, wie man damals sagte. Elisabeth beschreibt in ihren Memoiren, wie sie als Dreizehnjährige der toten Großmutter "tauige, duftende Rosen um das Haupt" legte. Die Großmama wurde dann im Speisesaal, damals dem größten Raum des Palais, aufgebahrt; die Wiesbadener konnten hier von ihr Abschied nehmen. Ein endloser Trauerzug zum Alten Friedhof folgte. Dass Herzogin Pauline ihre letzte Ruhestätte auf dem Alten Friedhof in Wiesbaden fand und nicht in der Familiengruft der Nassauer in Weilburg beigesetzt wurde, entsprach ihrem ausdrücklichen Wunsch. Man hat ihr hier ein sehr schönes Grabmonument errichtet, das Gott sei Dank heute noch steht und jederzeit zu besichtigen ist. Doch eigentlich wollte Herzogin Pauline von Nassau unter freiem Himmel begraben liegen. Nun, alles kann man nicht haben. Lesen Sie morgen: Colonial-Ausstellung - Schwarze in Wiesbaden Weitere Serienfolgen finden Sie im Internet unter www.wiesbadener-tagblatt.de/region/wt-serie-schloesschen


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