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Wiesbadener Tagblatt

Wiesbaden 

"Nur die Hoffnung darf nicht sterben"

10.01.2007

Von Kurt Buchholz

Johannes Gerster lebte neun Jahre in Israel / "Eine politisch stabile Lösung ist möglich"

Seine Vision ist der Friede in Nahost, seine Hoffnung die Versöhnung und das friedliche Nebeneinander von Israelis und Palästinensern in gesicherten Grenzen. Für Johannes Gerster stellt das "Pulverfass Nahost" eine der größten Bedrohungen und Herausforderungen der Gegenwart dar.

Israel und seine Nachbarn: Johannes Gerster sind beide vertraut. Neun Jahre friedenstiftender Arbeit in Jerusalem, an der Nahtstelle zwischen Israelis und Palästinensern, haben den heute 66-jährigen mehr als anderswo geprägt und gelehrt, genau hinzuschauen, um analysieren und verstehen zu können. "Ich bin ein Freund Israels", sagt Gerster, der Präsident der deutsch-israelischen Gesellschaft, beim Neujahrsempfang der Arbeitsgemeinschaft katholischer Verbände im Wiesbadener Kolpingzentrum. Er hat von 1997 bis 2006 die Konrad-Adenauer-Stiftung in Jerusalem geleitet. "Ich ergreife Partei für Israel, wenn es um dessen Existenz geht, möchte aber auch, dass sich die Palästinenser in einem eigenen Staatsgebilde frei und souverän entwickeln können." Für Johannes Gerster überzeugende Beweggründe, die ihn seinerzeit veranlassten, nach Israel überzusiedeln, um dort zu leben und für einen Ausgleich zwischen den Völkern zu arbeiten. "Mein politisches Glaubensberkenntnis", bekennt der aus Mainz stammende Jurist, der eine glänzende parlamentarische Laufbahn in Bund und Land hinter sich hatte, bevor er die deutsche Politik verließ, um in Israel als Leiter der Adenauer-Stiftung friedensfördernde israelisch-palästinensische Gemeinschaftsaktivitäten auf den Weg zu bringen. Johannes Gerster kennt den Alltag im krisengeschüttelten Israel, die Zerrissenheit der Gesellschaft und die anhaltenden Spannungen zwischen den sich feindselig gegenüberstehenden, scheinbar unversöhnbaren Völkern. Wie die sechs Millionen Israelis hat auch er gelernt, mit der Terrorgefahr umzugehen, hat die Zeit der Intifada bewusst erlebt, "als es dreißig Monate lang fast täglich in unserer unmittelbaren Umgebung knallte." Über vierzig Bombenanschläge mit 150 Todesopfern und der doppelten Anzahl von Schwerstverletzten allein in der Umgebung des Hochhauses, in dem die Gersters lebten, haben ihm bewusst werden lassen, wie groß das Gewaltpotenzial und der damit einhergehende Fanatismus sind. Wo liegen die Wurzeln, was sind die Ursachen des Übels, das die Menschen auf beiden Seiten nahezu täglich bedrückt und bedroht? Johannes Gerster, der in Israel zum Insider gewordene Übersiedler auf Zeit, versuchte im Kolpinghaus Antworten darauf zu geben. Gleich mehrere Konfliktpunkte seien es, die sich in Israel praktisch überlagerten, und dies in einem relativ kleinen Land: Der religiös-fundamental motivierte Konflikt um Jerusalem, der die Emotionen mobilisiere und unzählige Opfer gefordert habe, vor allem aber die Tatsache, dass Palästinenser und Juden nach wie vor um das gleiche Land kämpften. Überlagert werde dieser Regionalkonflikt durch den Kampf islamischer Fundamentalisten gegen die westlichen Demokratien. Selbst wenn es Israel nicht gäbe, würden islamische Fundamentalisten gegen den Rest der Welt kämpfen, vermutet Gerster, der gleichzeitig davor warnt, die Palästinenser pauschal als Terroristen zu verteufeln. Ebenso eindeutig sei aber auch, dass Hamas, Dschihad und Volksfront zur Befreiung Palästinas in engem Schulterschluss mit der Hisbollah und unzähligen Geld- und Waffenlieferanten aus der moslemischen Welt Israel zerstören wollten. "Das Land sieht sich existenziell bedroht und will die Wurzeln des palästinensischen Terrors ausreißen", weiß Johannes Gerster aus bitterer Erfahrung. Die Militäraktionen seien letztlich Folgen von Angst und Ratlosigkeit. Israel führe aber keinen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser. Wer solche Vorwürfe erhebe, sei desinformiert oder Opfer eigener Vorurteile geworden. Kein Ausweg aus der Sackgasse also? Keine Aussicht auf Befriedung im Nahen Osten? "Ich möchte dennoch Mut zur Hoffnung machen", gab sich der Gerster zuversichtlich. Er habe den Glauben an die Möglichkeit einer "erträglichen Übereinkunft und Verständigung selbst mit der Hamas" noch nicht aufgegeben, auch wenn ein solcher Kompromiss nicht den Frieden bedeuten werde: Dazu seien der Hass zu groß und die Gräben zu tief. Andererseits lehne inzwischen eine klare Mehrheit der Palästinenser und Israelis die Gewalt zur Lösung politischer Probleme ab. Man sei schlichtweg müde und es leid, ständig neuen Gefahren ausgesetzt zu sein. "Es gibt keine Familie auf beiden Seiten, die davon nicht betroffen wäre", sagt Gerster, der als stabilste politische Lösung in der Unruhe-Region Nahost nach wie vor die Gründung eines palästinensischen Staates mit Freihandelszone befürwortet. Trotz vermeintlicher Aussichtslosigkeit dürfe die Hoffnung, das Unmögliche zu schaffen, niemals aufgegeben werden. Johannes Gerster ist Träger hoher Auszeichnungen: Die Ben-Gurion-Universität ehrte den Juristen mit einem Ehrendoktorat, die Tel-Aviv-Universität mit dem Präsidentenpreis und die europäisch-palästinensische Handelskammer mit der Ehrenplakette 2005. Konrad Adenauer, der fest an die Werte, die Gleichberechtigung und Gerechtigkeit der Demokratie glaubte, hätte sich keinen besseren Vertreter in einem konfliktreichen Land wie Israel wünschen können.


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