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Wiesbadener Tagblatt

Wiesbaden 

"Demenz kann man vorbeugen"

22.12.2007 - WIESBADEN

Von Angelika Eder

Neurologe Gerhard Hamann informiert über Chancen der Prophylaxe

WIESBADEN "Einen gesellschaftspolitischen Tsunami durch Demenzerkrankungen", befürchtet Neurologe Prof. Dr. Gerhard Hamann, Leiter der HSK-Klinik für Neurologie, angesichts der demographischen Entwicklung: 2050 ist jeder dritte Deutsche älter als 60 Jahre, "und würden wir alle alt genug, würden wir alle wahrscheinlich dement", erklärt der Mediziner.

Das Risiko einer solchen Erkrankung hängt aber bekanntlich nicht nur vom Alter ab, sondern ebenso von der genetischen - also unveränderbaren - Vorbelastung. Inwieweit die jedoch zum Tragen kommt, bedingen allerdings auch viele andere - positive wie negative - Faktoren im Laufe eines Lebens. Um für möglichst günstige Voraussetzungen zu sorgen und damit einer Demenz vorzubeugen oder sie zumindest so lange wie möglich hinauszuzögern, kann ein Mensch nach Auskunft des Neurologen Hamann durchaus einiges tun. Denn es ist im Hinblick auf unser Gehirn nicht nur von Schwund, sondern auch von Wachstum zu berichten: Ging man früher davon aus, dass wir mit einer bestimmten Anzahl von Nervenzellen im Gehirn geboren werden, mit dem der Mensch sein Leben lang auskommen muss, so steht heute fest, was laut Hamann jeder Neurologe noch vor ein paar Jahren für unmöglich gehalten hätte: "Es gibt eine Neuro-Neogenese, das heißt, das Gehirn eines Erwachsenen kann bis ins Seniorenalter hinein neue Nervenzellen bilden. Und wenn man im Gehirn eine Schädigung hat, können die neu gebildeten Zellen dort sogar verstärkt hinwandern." Könnte man nun die Neubildung der Nervenzellen - die übrigens in Regionen um die Hirnwasserräume entstehen - und ihr Auswandern ins Gehirn steuern, so ergäbe sich damit nach Ansicht des Mediziners eine gute Möglichkeit der Behandlung vieler neurologischer Erkrankungen wie Demenz, aber auch Parkinson. Doch das ist noch Zukunftsmusik, während nachweislich feststeht, dass körperliche Bewegung auch dem Oberstübchen zugute kommt: Eindrucksvoll demonstriert Hamann am Computer die Vorgänge im Gehirn einer Ratte, die einmal untätig in der Ecke verharrt (adäquat dem vor dem Fernseher sitzenden Zweibeiner) und bei einem anderen Versuch körperlich aktiv ist (ähnlich wie ein Mensch beim Walking). Während der Bewegung bilden sich im Gehirn des Tieres dreimal so viele neue Nervenzellen. Eben das wird vermutlich bei einigen der Demenzerkrankungen durch Störfaktoren verhindert, so dass die neue Erkenntnis auch aus diesem Grund sicher zu keinem Allheilmittel gegen die Schrumpfung des Gehirns führen kann, sich aber zur Vorbeugung nutzen lässt. Denn es ist laut Hamann eindeutig erwiesen, "dass Menschen, die körperlich aktiv sind, eine Demenz später bekommen als die passiven." Das erklärt sich nicht zuletzt auch im Hinblick auf die so genannte vaskuläre Demenz infolge eines großen oder vieler kleiner Schlaganfälle. Eine ebenso große Rolle in der Prophylaxe spielt die geistige Mobilität, wie eine Studie unter dem Titel "Active" zeigte: Dabei hatte man mit 2800 Probanden im Alter von 65 bis 94 Jahren sechs Wochen lang ein Training von Tempo, Gedächtnis und Problemlösen in zehn einstündigen Einheiten durchgeführt beziehungsweise einem Teil der Studienteilnehmer die entsprechenden Übungen zum Vergleich vorbehalten: Die trainierten Probanden verzeichneten gegenüber den untrainierten signifikante Erfolge: 80 Prozent Steigerung beim Tempo, 60 Prozent beim Problemlösen sowie 30 Prozent bei der Gedächtnisleistung, und jeder Fünfte profitierte davon konkret in seinem Alltag. Diese Effekte konnte man trotz des nur wenige Wochen dauernden Trainings noch nach zwei Jahren nachweisen. Gesund leben Gut für die geistige Beweglichkeit sind übrigens darüber hinaus vielfältige soziale Beziehungen: Sie schützen einer vor drei Jahren veröffentlichten Studie zufolge vor Demenz. Diese Wirkung führt der Neurologe vor allem darauf zurück, dass man dadurch einfach mehr gefordert werde. Letztlich spiele auch die mediterrane Ernährung mit viel frischem Gemüse und Fisch eine entscheidende Rolle. Wer also, so Gerhard Hamann, "über ein soziales Netzwerk verfügt, sowohl geistig als auch körperlich aktiv ist und sich gesund ernährt, tut alles Menschenmögliche, um sich vor Demenz zu schützen."


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