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Wiesbadener Tagblatt

Wiesbaden 

Detaillierte Informationen

15.09.2008

Von Christine Dressler

Dorothee Lottmann-Kaesler zeigt Spuren jüdischen Lebens in Biebrich

Auf den Spuren jüdischen Lebens führte Dorothee Lottmann-Kaesler vier Damen und drei Herren durch Biebrich. Die Gruppe war erschüttert, wie schnell unter den Nazis die Stimmung gegen die Jahrhunderte lang integrierten Juden umschlug. "Man sieht nichts mehr davon, aber hier war früher die Synagoge", erklärte Dorothee Lottmann-Kaesler den Treffpunkt Rathausstraße 37. Trotz strömenden Regens machte sich die Grupppe auf zu einer Drei-Stunden-Führung, mit der die neue Rundgangsreihe des evangelischen Dekanats begann. Das Spektrum der Gruppe reichte vom Neubiebricher, den das Thema interessierte, "weil ich die Tafel hier an der Synagoge gesehen habe und sonst nichts von jüdischem Leben in Biebrich weiß", bis zu Lottmann-Kaesler-Fans. Die Juristin gründete 1988 das Aktive Museum Spiegelgasse mit, saß dem Verein bis 2006 vor und erforscht seit 20 Jahren die jüdische Geschichte in und um Wiesbaden. Detailliert waren ihre Informationen auf dem Weg. Er führte von der 1865 erbauten und am 9. November 1938 zerstörten Synagoge ums Eck in die Stettiner Straße 6 zum Geburtshaus von der "in den 30er Jahren rechtzeitig" nach Amerika geflohenen SPD-Politikerin Toni Sender", die 1964 in New York starb. Am 29. November 1888 geboren, wurde sie Sidonie getauft, "aber bald Toni gerufen". Als Reichstagsabgeordnete von 1920 bis 1933 war sie "sehr gefährdet", sagte Lottmann-Kaesler. Weiter ging es zu Seligmann Baers Geburtshaus in die Straße Am Schlosspark. Mit dem 1825 geborenen Gelehrten endete der auch wegen Zahlungsnot der Gemeinde fast jährliche Wechsel der Lehrer in der Synagoge. Die Juristin nannte Namen, Bildung und Herkunft aller bis zurück ins Jahr 1820. "Sehr bildungsorientiert" übernahm Baer das Amt 1856 bis zu seinem Tod 1897 und übersetzte die hebräischen Texte auch ins Deutsche. Ihm folgte Simon Sulzbacher. "Er blieb bis in die 30er Jahre". Mit vielen Textbelegen berichtete Lottmann-Kaeseler auf dem Rundgang, dass "eine relativ große Zahl Juden wahrscheinlich schon seit der Römerzeit" am Rhein und in Biebrich lebte. Ausführlich schilderte sie die 100-Jahr-Feier der Synagoge mit Rabbinern, Polizeipräsident, Repräsentanten des Magistrats und der christlichen Kirche im Jahr 1930. Das beweise außer einer Vorgängersynagoge, wie angesehen die jüdische Gemeinde war. Die Gruppe erschütterte, "was nur acht Jahr später daraus wurde": Alle 130 Gemeindemitglieder wurden vertrieben oder in KZs ermordet.


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