Von Anja Baumgart-Pietsch
Heike Reemts und die "Tragzeit" / Mit klarer Vision in die Selbständigkeit
Heike Reemts hat viel Glück gehabt, das sagt sie selbst. Glück, die richtige Geschäftsidee zu finden, Glück dazu, einen kleinen Laden in guter, aber nicht unbezahlbarer Lage zu mieten. Und Glück mit ihren Kundinnen.
Die begeisterten Frauen geben nämlich eifrig den Tipp weiter, dass es bei "Tragzeit" schöne und junge Mode für eine der spannendsten Zeiten im Leben einer Frau gibt: Für die Schwangerschaft und die Zeit unmittelbar danach. Eigentlich habe sie Innenarchitektur studiert, erzählt die 37-jährige Wiesbadenerin. "Ich habe aber gemerkt, das ist es doch nicht." Aufmerksam hörte sie jedoch stets zu, wenn sich schwangere Freundinnen darüber beklagten, dass "Umstandsmode" - schon das Wort lässt es vermuten - oft altbacken und nicht wirklich pfiffig sei. Im Ausland hingegen gab es immer schon Netteres für die bewussten neun Monate zu kaufen. Die Idee reifte, einen Laden zu eröffnen "mit Sachen, die ich mir selbst vorstellen könnte, zu tragen", sagt die Geschäftsinhaberin. Und dann ging alles vergleichsweise schnell: Das Geschäft in der Kleinen Langgasse stand leer, mit dem Vermieter wurde Heike Reemts bald einig und konnte gleich das ganze Haus mieten - nun wohnt sie direkt über ihrem Laden und fühlt sich sehr wohl, ohne die horrenden Mieten der Fußgängerzone zahlen zu müssen. Mit einer klaren Vision hatte sie auch keinerlei Angst, in die Selbständigkeit zu starten. Neben dem Laden übt sie auch eine Handelsvertretung für einige der internationalen Marken aus, ist also gelegentlich unterwegs - aber meist in ihrem Geschäft zu finden. Die Kundinnen, die zu ihr kommen, sind keine "Laufkundschaft" - nach Schwangerenbekleidung sucht nur, wer sie auch demnächst brauchen wird. Und der Tipp sprach sich wirklich schnell herum. Im Herbst kann Heike Reemts bereits ihr zweites Jahr "Tragzeit" feiern. Auch der ungewöhnliche Name ergab sich per Zufall. "Ein Freund kam spontan drauf", erinnert sich Heike Reemts. Sie testete ihn im Bekanntenkreis und "allen hat der Name gefallen". Also renovierte sie den Laden und ging auf Suche nach einem Sortiment, das ihr und ihren potenziellen Kundinnen gefallen könnte. Nun gibt es hier von Jeans mit dehnbaren Einsätzen über schöne Oberteile bis hin zu kleinen textilen Babyspielzeugen und süßen T-Shirts alles, was junge Mütter mögen. Ein bisschen tiefer in die Tasche müssen sie schon greifen als im Kaufhaus - internationale Designermarken aus Italien, Holland und Schweden haben ihren Preis. Aber dafür hat man auch ein Kleidungsstück, das so gar nichts mit dem Namen "Umstandsbekleidung" zu tun hat, und das auch nicht jede trägt: Still-BHs von "Cherry Picking" oder "Boob", Mode von "Attesa" oder "Queen Mum" - wer sich auch sonst edel kleidet, muss eben auch nicht in der Schwangerschaft darauf verzichten. Besonders freut sich Heike Reemts aber auch über den anhaltenden Kontakt zu ihren Kundinnen, die später gerne mit dem Baby vorbeikommen. Am Tag unseres Interviews ist es sogar ein Vater, der mit Kinderwagen vor dem Geschäft anhält, um stolz den Sprössling zu präsentieren und - wer weiß - vielleicht sogar ein winzig kleines T-Shirt mit Elvis-Konterfei oder eines der liebevoll angefertigten Stofftierchen mitzunehmen?

