Freitag, 10. Februar 2012 21:11 Uhr
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Wiesbadener Tagblatt

Wiesbaden 

Wurden ein-Euro-Jobber im Stadtarchiv ausgebeutet?

13.02.2008

mag. Über Jahre wurde das digitale Multimediaarchiv im Stadtarchiv von Ein-Euro-Jobbern betrieben. Vermutlich illegal. Einer der Mitarbeiter, Wilfried Lüderitz, prangert die Zustände an. Sein Anwalt Reinhard Schütte spricht von einem "Mitnahmeeffekt" der Stadt, von "Ausbeutung". Das Multimediaarchiv hat Anfang des Jahrzehnts der Historiker Thomas Weichel aufgebaut. Seither werden historische Bilder der Stadt elektronisch eingescannt und aufbewahrt. Umgekehrt kann jeder Bürger darauf zurückgreifen, wenn er sich an das Stadtarchiv wendet. Zur Arbeit gehört auch, dass die Bilder bei Bedarf datiert und beschrieben werden. Dazu bedarf es nicht nur stadthistorischer, sondern auch technischer Kenntnisse. Als Weichel im April 2006 seine nach BAT IIa bezahlte Stelle verließ, um in die Stabsstelle für das Weltkulturerbe zu wechseln, blieb das Multimediaarchiv nur deshalb nicht völlig verwaist, weil es den "Ein-Euro-Jobber" Wilfried Lüderitz gab. Weichel lernte ihn an und empfahl ihn für seine Nachfolge, weil er Lüderitz für "perfekt geeignet" hielt. Daraus wurde nichts. Die Stelle blieb vakant. Daran änderte auch nichts, dass der Interims-Kulturdezernent Wolfgang Herber den vollwertigen Ersatz durch eine Fachkraft angekündigt hatte. Im Herbst 2006 wurde die Leitungsstelle überraschend besetzt. Allerdings nicht mit einem Fachmann, sondern mit Georg Habs, einem gelernten Mediziner. Habs war als Referent und Fraktionsgeschäftsführer der Grünen Rathaus-Fraktion bei Rita Thies in Ungnade gefallen und musste versorgt werden. Die Arbeit, zu der auch die Pflege der Archivkunden gehört, wurde aber weiterhin von Wilfried Lüderitz und einem weiteren Ein-Euro-Jobber, Siegmund Dieser, gemacht. Im April musste sich Kulturdezernentin Rita Thies dafür im zuständigen Ausschuss rechtfertigen. Warum Lüderitz Ein-Euro-Jobber-bleiben musste und für die Leitungsstelle nicht in Frage kam, erklärte die Dezernentin den Stadtverordneten mit dem fehlenden Studium des Interessenten. Diese Begründung war offensichtlich falsch, denn Wilfried Lüderitz hat nicht nur ein Studium der Pädagogik, Soziologie und Kunstgeschichte absolviert, sondern ist sogar studierter Gebrauchsgrafiker. Auch das hätte - neben seinen Kenntnissen der Wiesbadener Stadtgeschichte - für ihn als Leiter gesprochen. Lüderitz und Weichel waren stets der Auffassung, dass ihre Arbeit nicht "zusätzlich" ist, wie es die HartzIV-Gesetze vorschreiben, sondern zu den heutigen Standards eines funktionierenden Stadtarchivs gehören. Lüderitz wäre deshalb auch damit einverstanden gewesen, dass man die Weichel-Stelle herabstuft oder teilt, um die HartzIV-Maßnahme in eine reguläre Arbeit einfließen zu lassen. Was schließlich einmal die politische Absicht der so genannten HartzIV-Reformen war. Über dieses Ansinnen fanden auch Gespräche mit dem Leiter des Kulturamtes, Arno Fischer, statt. Aber eins ums andere Mal wurde Lüderitz vertröstet. Auch ein Gespräch zwischen Archivdirektorin Brigitte Streich und Rita Thies brachte die Sache nicht weiter. Bis Wilfried Lüderitz sich an Rechtsanwalt Reinhard Schütte wandte, um sich uristischen Beistand zu holen.


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