Von Anja Baumagrt-Pietsch
Zwölf wackere Wiesbadener Herren, unter ihnen Kaplan Wilhelm Tripp, Chausseewärter Usinger und Lehrer Johann Schickel, taten sich am 25. November 1862 im „alten kleinen Pfarrsälchen“ in der Friedrichstraße zusammen, um einen kirchlichen Gesangverein zu gründen. Das war die Keimzelle des heutigen Chores von St. Bonifatius, der somit im Jahr 2012 auf 150-jähriges Bestehen zurückblicken kann.
Unter dem heutigen Chorleiter Gabriel Dessauer singen mittlerweile über 100 Männer und Frauen in Gottesdiensten und Konzerten der größten katholischen Kirche Wiesbadens.
Das Jubiläum wird natürlich musikalisch begangen: „Ich wusste, dass es in Großbritannien üblich ist, zu einem solchen Anlass eine Auftragskomposition zu vergeben“, sagt Kantor Dessauer. Das wollte er auch einmal tun. Es lag nahe, einen britischen Komponisten auszusuchen. Dessauer wählte Sir Colin Mawby, dessen Musik ihm gefiel. Der ehemalige „Master of the Music“ der Westminster Cathedral, Jahrgang 1936, gilt als einer der berühmtesten zeitgenössischen englischen Komponisten sakraler Musik. Gabriel Dessauer fand über den Verleger seiner Werke Kontakt zu Mawby und reiste im vergangenen Frühjahr nach London, um mit ihm über eine eigens für das Chorjubiläum zu komponierende „Bonifatius-Messe“ zu sprechen.
„Ich hatte meine Ideen zur Besetzung, wollte zum Beispiel gerne eine Solo-Oboe einbauen, die meine Tochter spielt“, sagt Dessauer. „Außerdem sollte natürlich der Kirchenraum mit seinem Neun-Sekunden-Nachhall besonders berücksichtigt werden“. Sir Mawby, ein „echt britischer Gentleman“, wie Dessauer berichtet, war begeistert, empfahl noch, auch eine Solo-Gesangsstimme einzubauen, und schrieb in den folgenden Monaten das etwa fünfzigminütige Werk für Chor, Kinderchor, Sopran, Oboe und Orgel, nicht, ohne bereits im Vorfeld Chor und Kirche in Wiesbaden kennenzulernen.
Die Uraufführung der „Bonifatius-Messe“ wird am 3. Oktober in Anwesenheit des Komponisten stattfinden, die Proben beginnen ab sofort: „Jetzt wäre eine gute Gelegenheit, einzusteigen“, wirbt Gabriel Dessauer um neue Mitsängerinnen und -sänger, die sich allerdings nicht projektmäßig, sondern als reguläre Chormitglieder engagieren sollten.
Eine Kostprobe der Mawby’schen Musik ist am traditionellen „Suppensonntag“ des Boni-Chores schon einmal zu hören: Am 29. Januar kann man sich in der katholischen Gemeinde musikalisch wie kulinarisch stärken.
Die Auftragskomposition ist ein Spendenprojekt: Neben der Gemeinde selbst spenden auch Einzelpersonen sowie der Ortsbeirat Mitte für das Jubiläumskonzert, das in der Chorgeschichte einen würdigen Platz einnehmen wird.
Die 150-jährige Historie des Chors wird zurzeit vom hauseigenen „Archivar“ Johann Hilse erforscht. Er kann sich auf zwei schmale Festschriften zum 50- und zum 100-jährigen Bestehen aus den Jahren 1912 und 1962 stützen, die das erste Jahrhundert kirchlichen Gesangs an der „Boni“ dokumentieren.
Der erste Chorleiter war der erwähnte Lehrer Schickel; Gabriel Dessauer ist erst der zehnte Dirigent. Er kann bereits auf 30 Jahre Tätigkeit bei St. Bonifatius zurückblicken. Sein Vorgänger war Peter Kempin, der bei einem Unfall ums Leben kam. Gabriel Dessauer setzte zu Anfang neue Akzente, mit denen nicht alle Chormitglieder konform gingen. „Wir hatten zeitweise nur noch 29 Sänger“, erinnert sich Dessauer, der den Chor dann aber wieder zu zahlenmäßiger und musikalischer Höchstform brachte.
Neben der Uraufführung der Bonifatius-Messe am 3. Oktober hat Gabriel Dessauer aber auch noch mehr Musik für das Jubiläumsjahr ins Programm genommen: Der leidenschaftliche Organist hat eine ganze Reihe von Orgelkonzerten, die er selbst oder namhafte internationale Kollegen spielen werden, terminiert.


