Wenn Geld fürs Futter fehlt - Tiertafel soll in Wiesbaden Abhilfe schaffen
19.10.2010 - WIESBADEN
Von Julia Anderton
Wenn Menschen nicht genug Geld zur Verfügung steht, sich selbst und ihre Familie zu ernähren, wird es für Haustiere erst recht eng. Erstere werden durch die Wiesbadener Tafel mittels Lebensmittelspenden unterstützt, doch für die Besitzer von Hund, Katze und anderen Vierbeinern existiert bislang kaum eine Möglichkeit, kostenlos an Futtermittel zu gelangen.
Tagtäglich Anfragen
„Zwar ist Wiesbaden scheinbar eine reiche Stadt, aber Armut macht leider auch hier nicht halt. Wir spüren dies tagtäglich bei Anfragen auf Kostenübernahme von tierärztlichen Leistungen oder Futterkosten. Im schlimmsten Fall müssen Mitmenschen ihr Tier im Tierheim abgeben, weil sie es dauerhaft nicht mehr versorgen können“, sagte Henriette Hackl, Vorsitzende des Wiesbadeners Tierschutzvereins. „Die Folgen sind fatal: die Tiere kommen mit der ungewohnten Situation im Heim nicht zurecht, die Tierheime sind teilweise finanziell überfordert und die Halter leiden, weil sie ein lang betreutes Tier aus finanziellen Gründen abgeben müssen.“
Viele dieser Personen schämten sich für ihre Situation. „Wir erleben in der Praxis, dass häufig ältere, verwitwete Frauen, meist Rentnerinnen mit geringem Einkommen, von dieser Situation betroffen sind, also nicht ‚nur’ Arbeitslose oder HartzIV-Empfänger. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass sich Tiere gerade bei älteren und kranken Menschen positiv auf deren Gesundheit auswirken. Deshalb muss zwingend und mit aus unserer Sicht auch relativ einfachen Mitteln dieser Entwicklung entgegengesteuert werden.“
Aufbau einer Tiertafel
Deshalb plant der Tierschutzverein den Aufbau einer Tiertafel, bei der hauptsächlich gespendetes Futter für Hunde, Katzen und Kaninchen, aber auch Einstreu an Bedürftige kostenlos verteilt wird. „Wir sind fest davon überzeugt, dass mit der Einrichtung einer Tiertafel in Wiesbaden manche Abgabe eines Tieres verhindert werden könnte“, betont Henriette Hackl. „Um Missbrauch zu vermeiden, sollte die Verteilung sicherlich analog dem Verfahren der Wiesbadener Tafel erfolgen, etwa durch Vorlage eines Sozialhilfe- oder Arbeitslosenbescheids. Das hat natürlich den Nachteil, dass man diejenigen, die zwar Anspruch auf einen solchen Bescheid hätten, sich aber schämen, diesen zu beantragen, ausgrenzen müsste. Hier muss noch überlegt werden, wie man diese Personen erreichen kann.“
Zwar stehen zahlreiche ehrenamtliche Helfer in den Startlöchern, doch bislang scheitert die Umsetzung des Projekts an den fehlenden Räumlichkeiten. „Wir haben seit 2008 vergeblich versucht, einen Raum in Zentrumsnähe zu erhalten. Zwar haben wir auch die örtliche Politik um Unterstützung gebeten, aber ohne Erfolg.“ Nun wolle man mit der Wiesbadener Tafel klären, ob diese die Futter-Verteilung in deren Räumlichkeiten in der Stephanuskirche vornehmen könne.
Ruth Friedrich-Wurzel, Vorsitzende der Wiesbadener Tafel, möchte die Erfolgsaussichten nicht kommentieren. „Grundsätzlich stellen wir den Dienst am Menschen vor den Dienst am Tier.“ Sie weiß aber um die Bedeutung, die Haustiere oftmals für ihre Halter besitzen. „Sicher sagen Kritiker, wer wenig hat, soll sich auch kein Tier halten, welches man nicht ernähren kann. Hier kommt aber eine andere, weil psychologische, Funktion zum Tragen. Wenn wir in den Kisten unserer Lieferanten Tiernahrung vorfinden, verteilen wir diese natürlich sehr gern, das wird auch dankend angenommen.“

