Glitschko beißt gern
03.09.2010 - WIESBADEN
Von Angelika Eder
CHINESISCHE WEICHSCHILDKRÖTE Als „Fundstück“ im Tierheim
Die Anziehungskraft eines Kuscheltieres hat sie wahrlich nicht, die chinesische Weichschildkröte: Sie mutet eher wie ein Lebewesen von einem anderen Stern an. Während Dr. Ludger Reißig und Tierheim-Mitarbeiterin Christina Riedel vor dem Terrarium stehen, beobachtet sie aufmerksam und fast unsichtbar das Geschehen vor der Scheibe: In Lauerstellung schaut sie unter dem Schwimmstein nur mit ihrem ungewöhnlich spitzen Kopf hervor, der in eine Art Schnorchel mündet. Wie ein Strohhalm geformt, dient ihr der dazu, unauffällig an der Wasseroberfläche Luft zu holen.
Als „Fundtier“ wurde sie abgeliefert, was in dem Fall nicht verwundert, denn die Haltung dieser gefährdeten Art bedarf spezieller Papiere: Der potenzielle Halter muss einen Antrag beim Regierungspräsidium in Darmstadt stellen und seine Eignung überprüfen lassen. Denn die Lebensbedingungen, die die sehr empfindliche Schildkröte benötigt, sind höchst speziell, das Aussetzen in einen Teich etwa würde ihren sicheren Tod bedeuten: Sie jagt (und frisst) kleine lebende Süßwasserfische, braucht also viel Platz, denn totes Futter verschmäht das bissige Tier.
Um ihm genug Raum zum Schwimmen zu geben, muss das Aquarium mindestens zwei Meter lang und außerdem mit feinem Sand zum Häuten und Eingraben sowie mit UV-Lampe und Heizung ausgestattet sein. Keinesfalls darf es Scharfkantiges enthalten, an dem ihr empfindlicher Lederpanzer Schaden nehmen könnte. Darüber hinaus braucht der Exot, der übrigens von einer Tierheim-Besucherin „Glitschko“ genannt wurde, Wasser von guter Qualität mit einer Temperatur zwischen 32 und 36 Grad. Nachdem Reißig sich davon überzeugt hat, dass Glitschko frisst und munter ist, holt er ihn zwecks Untersuchung aus dem Wasser.
Den üblichen Schildkrötentest kann er bei diesem Tier nicht durchführen. Dabei beweisen Schildkröten ihren guten Gesundheitszustand, indem sie sich mit den Vorderfüßen an seinen Zeigefingern festhalten.
Die Untersuchung der Lederschildkröte allerdings gestaltet sich sehr viel schwieriger, und das nicht nur aufgrund ihrer Schwimmhäute an den Füßen.
Aus dem Wasser geholt, ist sie äußerst glitschig und versucht überdies, nach Reißig zu schnappen: Blitzschnell schießt ihr Kopf unter dem Panzer hervor, wobei ihr ein überraschend langer Hals es sogar ermöglicht, sich seitlich und nach hinten umzudrehen. Während der Attacken beeindruckt sie nicht nur mit ihrer ungebremsten Angriffslust, sondern auch mit ungewöhnlich weißer Haut an Kopf, Hals und Bauch, durch die die Blutgefäße schimmern. Beobachtet man ihr Gebaren, kann man nachvollziehen, warum Riedel betont, dass die Männchen aufgrund ihrer Bissigkeit nur separat gehalten werden dürfen.
Erst nach einer Weile zieht die Weichschildkröte den Kopf ein, so dass ihr Panzer genauer auf Aufwürfe oder Blasen hin angesehen werden kann: Der ist anatomisch völlig anders aufgebaut als der Panzer anderer Schildkröten: Aus einem Stück und wie von Leder bezogen.
Reißig, der übrigens neben seiner Praxis abwechselnd mit Dr. Clemens Tyrell im Tierheim arbeitet, setzt Glitschko in seine vorübergehende Unterkunft zurück. Als ein Exot, wie er selbst dem erfahrenen Tierarzt noch nie untergekommen ist, soll er in den Frankfurter Zoo umziehen. Bis dahin zieht sich die chinesische Weichschildkröte unter ihren Schwimmstein zurück und harret der Dinge und der kleinen Fische.
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