Eltern verunsichert wie noch nie
21.08.2010 - WIESBADEN
Von Ingeborg Toth
JUGENDPSYCHIATRIE Tagung im Rathaus
Alex, 11, hat als Kleinkind Hunger und Angst erlebt. Er ist dick, seine Muskeln sind schlaff. Alex kommt in der Schule nicht gut mit, daheim ist es eng, er hat viele Halbgeschwister, und es ist nie genug Geld da. „Es gibt ganz viele Menschen, die sich mit Kindern wie Alex beschäftigen - alle sind Spezialisten auf ihrem Gebiet“, sagt Professor Renate Schepker, Chefärztin für Kinder- und Jugend-Psychotherapie des Zentrums für Soziale Psychiatrie Südwürttemberg. „Wir erleben Kinder, die fünf verschiedene Helfer beschäftigen.“ Das Problem sei: „Unter den vielen Helfern weiß keiner vom anderen. Die Kommunikation funktioniert nicht, es wird sogar gegeneinander gearbeitet. Manchmal werden die Helfer auch gegeneinander ausgespielt.“
Im Sitzungssaal der Stadtverordnetenversammlung begrüßte die Gesundheitsdezernentin Rose-Lore Scholz Experten zu einer Tagung, an der auch Bundesfamilienministerin Kristina Schröder teilnahm. Es ging um „Prävention psychischer Belastungen bei Kindern und Jugendlichen“. Die meisten Mädchen und Jungen entwickelten sich „nach wie vor ohne Probleme“, erklärte Professor Jörg Fegert, ärztlicher Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Uni-Klinikums Ulm.
Festzustellen sei allerdings: Noch nie habe es eine Elterngeneration in Deutschland gegeben, „die so verunsichert“ gewesen sei. „Eltern, die es gut meinen, aber nicht sicher sind, ob sie es mit ihrem Kind richtig machen.“ Bei den Sprösslingen nehmen die Störungen zu: Bei einem Fünftel aller Kinder sind Auffälligkeiten zu bemerken. Das Risiko, psychisch zu erkranken, steige für die Kinder und Jugendlichen bereits, wenn sie bei einem Elternteil aufwüchsen. Ein solcher Risikofaktor sei aber noch kein Anlass, etwas zu unternehmen. Anders sieht das aus, wenn Jungen und Mädchen mehreren Belastungen gleichzeitig ausgesetzt sind, dann ließen psychische Störungen oft nicht lange auf sich warten: „Der Zusammenhang sowohl zwischen der sozialen und der erzieherischen Umwelt auf der einen Seite und der Gesundheit auf der anderen ist unbestritten.“
Ausnahmslos alle Untersuchungen zum Thema würden „frühe Hilfen“ empfehlen, wenn vorbeugende Maßnahmen zu spät kommen, so Fegert. Wenn man wolle, dass junge Menschen so aufwachsen, dass sie als Erwachsene „produktiv am gesellschaftlichen Leben teilnehmen“ könnten, müsse bei Verhaltensproblemen früh eingegriffen werden. Je später die Hilfen einsetzten, umso größer die Kosten, die sie verursachen. Fegert: „Wir sind als Gesellschaft gut beraten, früh präventiv tätig zu werden.“
Bundesministerin Schröder wünschte sich für Kinder mit „komplexem Hilfebedarf“ einen Austausch „aller Akteure auf allen Ebenen“. Erst das Miteinander von Politik, Medizin und Gesellschaft könne Basis für eine „kluge, ergebnisorientierte Gesundheits- und Familienpolitik“ sein. Man könne nicht warten, bis Eltern um Hilfe nachsuchten: „Wir müssen auf die Familien zugehen“, so Kristina Schröder.

