Ein zu Stein gewordenes Geschichtsbuch
20.08.2010 - WIESBADEN/GÖRLITZ
Von Ingeborg Toth
GÖRLITZ Rolf und Hiltrud Hegemann haben sich beim einwöchigen Probewohnen in Wiesbadens Partnerstadt gefühlt wie in einem Museum
Die Hegemanns gehen in einem Billig-Markt Brötchen holen, sie bereiten sich ihr Frühstück selbst. Nach einer Weile entdecken sie einen Bäcker in der Nachbarschaft, der „Alte Schlesier“ anbietet. Auch einen Metzger finden sie in ihrer Nähe. „Die Küche unserer Wohnung ist mit allem ausgestattet, was man braucht. Es gibt sogar ein Teesieb“, stellen sie fest. Eines Morgens wird es laut: Abbruchteile aus dem Hinterhaus werden mit Getöse in einen Container geworfen.
Schockierendes Denkmal der Karstadt-Krise
Die Besichtigung der Peterskirche wird eine reine Freude für die Hegemanns, sie ist in hervorragender Weise saniert. Was von der Dreifaltigkeitskirche nicht zu behaupten ist. Schockiert sind sie von dem Jugendstilkaufhaus aus dem Jahr 1913, das seit 1929 Karstadt gehörte, zuletzt unter Hertie firmierte. Seit 2009 sind Verkaufsstände einer Drogerie dort untergebracht. Ansonsten gähnende Leere in dem fünfgeschossigen von einer Lichtkuppel überspannten Innenraum. Hegemann: „Ein Denkmal der Karstadt-Krise.“
Schilder an leerstehenden Läden in der Nachbarschaft der Löbauer Straße erzählen vom Scheitern: „Nailstudio“, „Blumen-Welt“, „Getränkeshop“. Ebenfalls nur ein paar Schritte von der Löbauer Staße entfernt entdecken die Hegemanns ein interessantes Werkstatthaus für die Fortbildung von Handwerkern, die in der Denkmalpflege beschäftigt sind.
Einmal treffen die Wiesbadener in ihrem Haus einen Nachbarn, der ein Gespräch beginnt. Er erzählt, dass er auf der polnischen Seite der Neiße geboren sei und seit 1974 in seiner heutigen Wohnung lebe. Auf die Partnerschaft mit Wiesbaden ist er nicht gut zu sprechen. Er habe große Hoffnungen und Erwartungen daran geknüpft, aus denen nichts geworden sei.
Nach ein paar Tagen in Görlitz unternehmen die Hegemanns einen Ausflug nach Dresden. Sie haben das Gefühl, einem Museum entronnen, kurz einer Stadt entflohen zu sein, in der sich viele Touristen mit Fotoapparat bewegen, aber in der nicht richtig gelebt wird: Keine Kneipen im Historismus-Viertel, in den Fenstern der Häuser zahllose Schilder: „Wohnung zu vermieten.“ Als das Hochwasser kommt, erleben die Hegemanns, was „Katastrophentourismus“ heißt: „Alle richten ihre Kamera auf das Unglück anderer.“
Kiesow hat das Kleinod wieder zum Leben erweckt
Die Stadt ist für die Hegemanns heute ein „steingewordenes Geschichtsbuch“. Ein halbes Jahrtausend Architekturgeschichte - in „einmaliger Dichte ablesbar“. Sie drehen und wenden die Feststellung des Denkmalschützers und Görlitz-Retters Professor Gottfried Kiesow: Görlitz ist „die schönste Stadt in Deutschland“. Sie sind beeindruckt von dem, was Kiesow in zwei Jahrzehnten fertig gebracht hat: „Er hat das Kleinod aus grauer Tristesse und Verfall wieder zum Leben erweckt.“ Aber was macht eine Stadt schön, überlegen die Hegemanns. Sie vergleichen und kommen zu dem Ergebnis: „Für uns ist Wiesbaden schöner. Es ist lebendig - und wir bleiben hier. Zumindest vorläufig.“
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