Ein zu Stein gewordenes Geschichtsbuch
20.08.2010 - WIESBADEN/GÖRLITZ
Von Ingeborg Toth
GÖRLITZ Rolf und Hiltrud Hegemann haben sich beim einwöchigen Probewohnen in Wiesbadens Partnerstadt gefühlt wie in einem Museum
Zur Wendezeit war Hiltrud Hegemann schon einmal in Görlitz: „Damals war ich geschockt, aber auch beeindruckt.“ Dann las Rolf Hegemann in seiner Architektenzeitschrift: Die Wiesbadener Partnerstadt bietet eine Woche „Probewohnen“ an, in einer komplett eingerichteten Drei-Zimmer-Wohnung. „Wir haben uns vorstellen können, auch noch mal umzuziehen“, sagt das Ehepaar Hiltrud und Rolf Hegemann. Jedenfalls bekundeten sie ihr Interesse am „Probewohnen“ - und hörten lange nichts. Sie hatten schon das Gefühl: „Die wollen keine Rentner.“ Dann kam ein Anruf aus Görlitz. „Fünf Tage später waren wir da.“ Die Hegemanns landeten im Historismus-Viertel. Zwei junge Damen hatten sie vom Hauptbahnhof abgeholt.
„Die Ankunft war ein Schock. Das Auto hielt vor einem verfallenen Mietshaus, davor ein großer Bauschutt-Container. Eingeschlagene Scheiben, bröckelnder Putz.“ Aber es stellte sich heraus: „Das ist das Nachbarhaus.“ Sie selbst zogen in der Löbauer Straße 6 ein. Der Hauseingang und das Treppenhaus präsentierten sich im „Originalzustand“. Es gab keinen Fahrstuhl, aber glücklicherweise befand sich die zugedachte Wohnung im ersten Stock: „Möbliert im bekannten ‚skandinavischen Stil‘, alles ordentlich und sauber. Wir waren zufrieden.“
Görlitzer Dickschädel als Straßenpflaster
Vom schönen Balkon mit seinem schmiedeeisernen Geländer überblicken die Hegemanns die Straße. „Die Mietshäuser sind zu 90 Prozent saniert“, stellen sie fest. Dem Wunsch „mal schnell in die Stadt zu gehen“, folgt Ernüchterung. Der Zustand der Gehwege, „eine Katastrophe“. Die Pflastersteine heißen „Görlitzer Dickschädel“ und machen Rolf Hegemann zu schaffen: „Für Gehbehinderte wie mich ein Gräuel.“ In der Gegend stehen viele verlassene und verkommene Häuser. Einzelne Wohnungen erscheinen noch bewohnt.
Die Wiesbadener nehmen nach einem anstrengenden Marsch die Trambahn. Obwohl sie erkennbar neu ist: Ihre hohen Stufen fallen beim Einstieg auf - sie sind fast nicht zu bewältigen. Außerdem bringt einen die Tram nicht ins Zentrum. Am Obermarkt werden die Hegemanns mit dem Anblick „wunderbarer Architekturzeugnisse aus verschiedenen Epochen“ entschädigt.
Bei einer Stadtrundfahrt werden außer der Altstadt auch die „besseren Gegenden“ besichtigt. Die kundige Führerin berichtet von einem Mäzen, der alljährlich 500 000 Euro für die Sanierung heruntergekommener Bauten überweist. Besichtigt wird ein Braunkohle-Abbaugebiet. Es soll ein Freizeitparadies werden - für Golfer, Segler und Angler. Die Stadtführerin berichtet, die Arbeitslosigkeit sei fast nirgends so hoch wie in Görlitz: „Das hat auch Vorteile“, sagt sie. „Die Wirtschaftskrise ist fast unbemerkt an uns vorbeigegangen.“
Abends essen die Hegemanns einmal in der „Kartoffelstube“ und schwärmen hinterher: „Bratkartoffeln und Spiegelei - einfach herrlich, wie bei Muttern.“ Allerdings stellen sie auch fest, dass das Essengehen nicht viel billiger ist. Die Preise in den Restaurants erscheinen fast so hoch wie in Wiesbaden. Dabei habe man ihnen erzählt, die Lebenshaltungskosten lägen gut ein Drittel unter westdeutschem Niveau: „Vermutlich gehen in Görlitz nur die Touristen ins Restaurant.“

