Duo meistert Schäferstündchen
13.08.2010 - WIESBADEN
Von Anja Baumgart-Pietsch
SOMMERTHEATER Ensemble der Wiesbadener Kammerspiele glänzt mit Schnitzlers Reigen
Ein Zehnpersonenstück mit lediglich zwei Akteuren zu besetzen, ist ein Wagnis. Ein geglücktes, so darf man nach dem Abend auf dem Neroberg konstatieren: Valerie Lecarte und Jürgen Hellmann vom Ensemble der „Wiesbadener Kammerspiele“ zeigten hier noch einmal ihr Erfolgs-Duett „Reigen“ frei nach Arthur Schnitzler. Auch hier waren wieder voll besetzte Reihen im Weingut zu sehen; das Publikum goutierte das tragikomische Kammerspiel mit viel Gelächter und Applaus.
Eigentlich geht es darum, dass romantische Erwartungen oder gar die Hoffnung auf Heilung oder Erlösung durch die „Liebe“, namentlich die körperliche, nicht möglich sind. Egal welche Paarung sich ergibt, ob Dirne und Soldat oder Graf und Schauspielerin oder schlichtes Ehepaar - immer bleibt unter dem Strich nur Enttäuschung zurück. Aus den unterschiedlichsten Motivationen heraus ergeben sich die Schäferstündchen, sie sind mehr oder weniger lustvoll oder auch klarer Berechnung unterliegend.
Doch wenn sie vorbei sind - in der hierbei auf Klamauk setzenden Inszenierung von Boris Motzki wird jeweils zu Herb Alperts fröhlich-kitschigem „Tijuana Taxi“ pantomimisch-exaltiert agiert - setzt regelmäßig Melancholie und Enttäuschung ein, ebenfalls mit musikalischem Leitmotiv unterlegt. Manchmal beim Mann, meistens bei der Frau, ab und zu bei beiden.
Da wirkt das Prostitutions-Verhältnis irgendwie noch wie das ehrlichste von allen, denn hier gibt es von Anfang an klar verteilte Rollen. Aber auch hier ist in kleinen Andeutungen noch ein Rest romantischer Verblendung spürbar. Das Stück ist hervorragend für die Freiluftbühne auf dem Neroberg geeignet.
Mit sparsamen Requisiten, vor allem verschiedenen Lichtquellen von der Taschen- bis zur Stehlampe agieren die beiden hervorragenden Darsteller unter großem Körpereinsatz das Marathonprogramm der verschiedenen Charaktere lustvoll aus. Valerie Lecarte, in allen Rollen attraktiv und ebenso wandlungsfähig wie ihr „kleines Schwarzes“, beherrscht das Spiel von der Dirne bis zur Ehefrau und ist eine Meisterin der lakonischen Ironie.
Jürgen Hellmann als ihr Gegenpart hat sowohl nervöse wie auch abgeklärte oder extrem arrogante Männerrollen zu spielen und wirkt ebenfalls allen Charakteren gut gewachsen. Das Stück, bei seinem Erscheinen vor gut hundert Jahren noch sehr skandalös, ruft heute keine Moralwächter mehr auf den Plan.
Daher lohnt es sich auch nicht mehr, auf Provokatives zu setzen, was der Regisseur klug erkannt hat. Stattdessen bietet er amüsante Szenen, originelle Ideen und gerade das richtige Maß an Tiefgang, um nicht ausschließlich in eine Gagparade zu münden. Eine Bereicherung im Spielplan des Sommertheaters, das am heutigen Freitag seinen Abschluss für die „Spielzeit 2010“ findet.

