Die Nationalität spielt keine Rolle
04.08.2010 - WIESBADEN
Von Kerstin Prosch
KARADENIZ Sport- und Kulturgemeinschaft will wieder eine Fußball-Jugendmannschaft gründen
Gülden Sahin wird sicherlich in die Annalen der Sport- und Kulturgemeinschaft Karadeniz Wiesbaden (SKG) eingehen. Denn sie ist seit der Vereinsgründung 1988 die erste Frau im Vorstand.
Sahin kennt die SKG von Kindesbeinen an. „Mein Vater war hier Vorsitzender, mein Bruder spielt hier Fußball.“ So fühlt auch sie sich dem Verein verbunden, der nach einer Gegend in der Türkei benannt wurde, aus der viele der in Wiesbaden lebenden Türken stammen.
Sahin engagiert sich bei der SKG als Geschäftsführerin. „Man sagt den Türken ja nach, dass sie gerne unter sich sind“, sagt sie lächelnd. Tatsächlich sind von den 36 Mitgliedern aber nur die Hälfte Türken. Denn die SKG verstehe sich als ein Verein für Menschen aller Nationen. Ein weiterer Beweis dafür seien die beiden Fußballmannschaften der SKG. Die erste und die zweite Mannschaft seien von Anfang an multikulturell aufgestellt gewesen. Hier kickten in den vergangenen Jahren unter anderem Türken, Griechen, Bosnier, Italiener, Marrokaner, aber auch etliche Deutsche.
Aktuell spielt die erste Mannschaft in der Kreisoberliga und die zweite Mannschaft in der Kreisliga C. „Früher hatten wir auch Jugendmannschaften“, erinnert sich Sahin. Aus finanziellen und organisatorischen Gründen hätte das Angebot für die Nachwuchskicker eingestellt werden müssen. Der Verein spielt aber mit dem Gedanken, die Jugendarbeit wieder aufleben zu lassen. Einige Vorstandsmitglieder wollen aufgrund der hohen Nachfrage wieder eine Jugendmannschaft gründen. Wann ist allerdings noch unklar. Bisher ging es auch ohne Jugendmannschaft.
„Viele unserer Mitglieder sind seit Vereinsgründung 1988 mit Herzblut dabei. Über sie sind viele junge Leute wie Kinder, Neffen oder Bekannte dazugekommen“, berichtet Sahin. Ihrer Auskunft nach fühlen sich die Spieler der ersten und zweiten Mannschaft im Verein wohl. Sie schätzen, dass Nationalitäten hier keine Rolle spielen und dass sie respektiert werden, wie sie sind. Auch deshalb sei der Zusammenhalt in den Mannschaften gut.
Neben Fußball pflegt die Sport- und Kulturgemeinschaft Karadeniz keine weiteren Sportarten. Und was spielt sich im kulturellen Bereich ab? „Früher hatten wir einmal Folkloregruppen“, blickt Sahin zurück. Sowohl Kinder als auch Jugendliche seien unterrichtet worden. Am 23. April - das ist in der Türkei der „Tag der Kinder und der Souveränität“ - organisierte die SKG einst einen Kultur- und Erlebnistag. Darüber hinaus besuchten Vereinsmitglieder gemeinsam kulturelle Veranstaltungen. „Doch das ist alles eingeschlafen, das war nicht mehr zu bewältigen“, bemerkt die Geschäftsführerin. Heute konzentriere man sich ganz auf den Fußball, der ohnehin immer der Schwerpunkt des Vereins gewesen sei.
Schon in der SKG Anadoluspor, aus der die Sport- und Kulturgemeinschaft Karadeniz 1988 hervorging, wurde Fußball gespielt. Die SKG Anadoluspor existierte knapp zwei Jahre. Dann stand sie wegen finanzieller Schwierigkeiten vor dem Aus. Damals gab es allerdings noch eine aktive Jugendmannschaft.
Die Verantwortlichen wussten, dass einige Türken einen neuen Verein planten. „Der Vorstand der SKG Anadoluspor kam auf uns zu und fragte, ob wir die Mannschaft übernehmen möchten“, erzählt Sahin. Nach intensiven Gesprächen sei man sich einig gewesen, dass sich die SKG Karadeniz aus der SKG Anadoluspor entwickelt und deren Jugendmannschaft erhalten bleibt.
Die SKG Karadeniz entstand aus dem Wunsch heraus, Türken die Möglichkeit zum Fußballspielen zu geben. „Denn damals taten sich viele noch schwer, sich in deutsche Vereine zu integrieren“, erklärt Sahin. Darüber hinaus habe ein Bedürfnis nach einem Treffpunkt und dem Austausch mit Gleichgesinnten bestanden. Wichtig war und ist für die Sport- und Kulturgemeinschaft daher das Vereinsheim, erst in der Wilhelm-Kalle-Straße, dann in der Kasteler Straße und jetzt wieder in der Wilhelm-Kalle-Straße. Gekickt wird auf dem Kunstrasen im Berliner Stadion.

