04. Februar 2012 08:29 Uhr
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Wiesbaden 

Unbequem und großartig

29.05.2010 - WIESBADEN

Von Peter Müller

MAIFESTSPIELE Kabarett mit Pause und Alich im Kleinen Haus

Zu den Rock-Rhythmen von „Final Countdown“ stürmen sie die Bühne und verabschieden erstmal den scheidenden Ministerpräsidenten. Über den hatten sie in ihrem „Nachkriegsprogramm“ noch gewitzelt: „Wie konnten die Hessen nur Roland Koch wählen? Wo es doch Bilder von ihm gibt?“ Da allerdings waren die rüstigen Vereinsmatadoren der Bonner „FKK Rhenania“ noch eher als Grandseigneurs der gepflegten Abendunterhaltung unterwegs.

Jetzt, im ersten „Vorkriegsprogramm des neuen Jahrtausends“, heißt es für Besserwisser Fritz Litzmann (Rainer Pause) und Langsamdenker Hermann Schwaderlappen (Norbert Alich) noch einmal kernig „Durchstarten“ - gegen Fundamentalismus, „Terrrorororrismus“, Globalisierung, Öko-Absolutismus, Werteverfall und alles, was den gut katholischen Rentner so auf Trab hält. Mit rheinischem Frohsinn, herrlich verwursteten Popsongs zwischen „Piano Man“ und „Pinball Wizzard“ oder Luftanhalten zur Weltrettung allein ist es da natürlich nicht getan.

Nein, hinter der schrullig-gediegenen Fassade der mit Pomade und Hornbrille maskierten Frackträger lauert grimmig schwarzer Humor. Als ewige Streithähne Pause & Alich reden, schwadronieren, singen, haspeln sie sich gerne mal auf virtuose Weise den Mund fuselig zu Standard-Themen des Kabaretts wie Pisa, Kölner U-Bahnbau, kranke Raucher-Songs oder nervende Windräder („überall diese Vogel-Hexler - unsere armen Spatzen!“) - um dann heimtückisch bis unversehens in vermintes Themen-Terrain einzubiegen.

Vom gelebten Kamasutra zum afghanischen Stellungskrieg, von den Alt-68-ern („die jetzt bald alle 68 werden“) zu Bin Laden, vom prall gefüllten Seniorenheim über den Workshop „Vögeln für die Rente“ zur freundlich-feindlichen Übernahme durch den Islam oder von der klammen Vereinskasse zur blumig fantasierten Folter für Ackermann, Zumwinkel und Konsorten. Das ist ebenso brillant gedacht und perfekt inszeniert, wie es sich auf schmalem Grat bewegt.

Die beiden vermeintlich harmlosen Oldies in der clownesken Garderobe liefern nämlich weder Beipackzettel für Ironie-Muffel noch grobe Warnzaunpfähle der Marke „Achtung, jetzt folgt gallige Satire“. Im Gegenteil. Die Trennlinien zwischen fröhlich-flachem Rentner-Nonsens und bis zur Unkenntlichkeit verbogener Ironie verschwimmen.

Pygmäen-Witze nach bestens herablassender Kolonial-Gutsherrenart, Entrüstung über Muezzin-Geschrei aus Moscheen an der schönen Kölner Autobahn, katholische Bigotterie oder „Nick-Neger“-Sparbüchse gegen Malaria in Afrika, um die geretteten Kinder, rein statistisch gesehen, vier Minuten später an Aids sterben zu lassen - Pause & Alich führen in ihrer kreativ verschleierten Stammtisch-Philosophie Dummheit, Heuchelei, Rassismus, Fremdenhass und reaktionären Gedankenmüll so gnadenlos „echt“ vor, dass im Publikum zuweilen das Lachen vom Entsetzen ausgetrieben wird. Da tut so manches richtig weh, und Zartbesaiteten wird so manche „Pointe“ durchaus eine Weile quer stecken. Aber, genau so geht eben Kabarett - wenn es noch nicht zur Comedy geronnen, sondern unbequemes, großartiges Kabarett ist, dessen Verfalldatum nicht bereits am Theaterausgang endet.

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