Von Marianne Kreikenbom
FAHRBIBLIOTHEK Kinder- und Überlandbus als rollende Bildungseinrichtung
Dieser Dienstagvormittag im Bücherbus für Wiesbadener Grundschulkinder wird zwar von Stunde zu Stunde immer ein bisschen kälter, weil die Türen ständig auf- und zugehen, ist aber dennoch der lebendigste und fröhlichste Bibliotheksbesuch, den ich je erlebt habe. Er beginnt kurz vor neun Uhr morgens an der Bücherbus-Haltestelle vor der Stadtteilbibliothek in Biebrich. Dort warten startklar die beiden Busse der Fahrbibliothek. Der eine dient der mobilen Literaturversorgung von insgesamt 16 Wiesbadener Grundschulen, der andere sorgt für die mobile Literaturversorgung der weiterführenden Wiesbadener Schulen sowie der Leserinnen und Leser in den Vororten und wird deshalb intern auch der "Überlandbus" genannt. Er ist ganztags unterwegs, steuert vormittags die weiterführenden Schulen an und nachmittags an festgelegten Tagen und zu bekannten Zeiten unter anderem Auringen, Breckenheim, Igstadt, Medenbach oder Naurod. Orte, in denen sich eine standortfeste Bibliothek nicht lohnen würde.
Wir nehmen den blauen Mercedesbus mit den aufgemalten bunten Strichmännchen und Luftballons - den Kinderbus. Wir, das sind Fahrbibliothekleiterin Carla Hofmann, Bibliotheksmitarbeiterin Beatrix Jasiczak und Busfahrer Thorsten Mader, der auch für die Technik der Busse sowie für Buchpflege und Buchbearbeitung (Signatur) zuständig ist. Während der Stopps vor den Schultüren übernimmt er vorn die Buchabgabe und die Verlängerung der Ausleihfrist. Beatrix Jasiczak steht hinten an der Ausleihe. Carla Hofmann berät die junge Leserschaft und hilft beim Auffinden bestimmet Titel.
Zwölf Meter lang und etwa zweieinhalb Meter breit ist so ein Bücherbus. Nicht viel Platz für die rund 4500 Medien pro Fahrbibliothek. An den beiden Längsseiten stehen im Kinderbus die Regale. Damit Bücher, Kassetten oder CDs unterwegs nicht reihenweise aus den Regalen purzeln, gibt es spezielle Sicherungen. Auf dem Fußboden stehen blaue Plastikkisten mit Großformaten und Kinder-Lieblingsbüchern: Hexen- und Gruselgeschichten zum Beispiel. Nicht nur Kinder lieben solche "Krabbelkisten". Im Kinderbus seien die Sachbücher nach Themen geordnet und die erzählenden Bücher nach der Lesefähigkeit, erklärt Carla Hofmann das Aufstellungsprinzip. Erst- und Zweitklässler gehören zu den Leseanfängern, Drittklässler zu den Lesekönnern und Viertklässler zu den Leseprofis.
Der Kinderbus jedenfalls trägt einen großen Teil dazu bei, dass aus Leseanfängern auch Leseprofis werden. Er ist eine prima Idee für Schulen, die über keine eigene Bibliothek verfügen. Die kostenfreie Ausleihe für Kinder und Jugendliche bis zum vollendeten 18. Lebensjahr ermöglicht allen einen Zugang zu Büchern und Literatur. Nur die Video-Ausleihe (vier Wochen) koste einen Euro. Voraussetzung für die Bibliotheksnutzung ist die schriftliche Einverständniserklärung der Eltern.
Inzwischen hat Thorsten Mader den Kinderbus vor der Otto-Stückrath-Schule geparkt. An der Haltestelle stehen rund zwanzig Viertklässler. Ein Junge mit einem Buch über Vulkane meldet sich bei Mader: "Einmal verlängern bitte." Jemand fragt nach einem Buch über die Rosskastanie, den Baum des Jahres 2009. Carla Hofmann findet nur eins über Bäume. Hier stehe auch etwas über die Kastanie drin. Sonst das nächste Mal. Etwas später kommen die zweiten Klassen. "Möchte jemand ein Spinnen-Buch?", fragt Carla Hofmann in die Runde. "Igitt", ruft eines der Mädchen und greift zu "Klara Lustig und der große Klassenzauber". Ihr Nachbar blättert in einem Sachbuch über Fledermäuse.

