Von Manfred Knispel
Behinderte beklagen Gedankenlosigkeit und mangelnde Sensibilität
WIESBADEN. Noch immer fehlt es in der Öffentlichkeit an ausreichender Sensibilität für die Belange der Behinderten. Diese Bilanz zieht Joachim Mast, Sprecher der Wiesbadener Behinderte-Verbände und -Organisation für das vergangene Jahr. Dies erschwere den rund 27 000 behinderten Wiesbadener Bürgern weiterhin die Teilhabe am öffentlichen Leben.
Den Treffpunkt an der Ecke Schwalbacher und Dotzheimer Straße hat Joachim Mast nicht ohne Grund gewählt. Hier, vor dem Eingang zur Bürgerbüro der Stadt und dem Luisenforum, gibt es auf dem Bürgersteig ein neues Blindenleitsystem - und das leitet den Sehbehinderten entweder direkt gegen eine Hauswand oder aber knapp fünf Meter neben dem normalen Fußgängerweg über die Straße, und damit zu einer eigentlich unpassierbaren Stelle auf dem Mittelstreifen. "Das ist vermutlich keine Absicht der Planer", vermutet Mast, "sondern schlicht Gedankenlosigkeit". Was es in seinen Augen allerdings nicht besser macht. Gerade an einer solch wichtigen Kreuzung und einer der wichtigsten Bushaltestellen der Stadt, so klagt er, müsse mit hoher Sorgfalt gearbeitet werden. Auf seine Beschwerde hin habe die Stadt eine Nachbesserung abgelehnt. Der Behindertenfunktionär mag das nicht hinnehmen und hat den Magistrat nun erneut angeschrieben. "Hier geht es um die Sicherheit der Bürger", sagt er. Rund 27 000 Wiesbadener sind als Behinderte registriert, das heißt, sie haben eine Behinderung von mehr als 50 Prozent in ihrem Behindertenausweis eintragen lassen. Etwa zehn Prozent aller Wiesbadener gelten damit als behindert. Mast geht aber von einer weit höheren Zahl aus. "Die Dunkelziffer ist hoch", glaubt er: "Viele Menschen bekennen sich nicht zu ihrer Behinderung." Das gehe auch ihm selbst manchmal so. Trotz seiner schweren Sehbehinderung "laufe ich auch herum und tue so, als würde ich gut sehen." Im Gespräch mit dem Seniorenbeirat sei zudem deutlich geworden, dass viele ältere Menschen, die in Heimen "rundum versorgt" würden, keinen Behindertenausweis besäßen. Schätzungen über die tatsächliche Zahl behinderter Menschen in Wiesbaden wagt Mast gleichwohl nicht. "Da müsste ich spekulieren." Masts Liste der "Gedankenlosigkeiten", mit denen Behinderten das Leben in der Stadt Hintergrund erschwert werde, ist lang. Direkt neben dem völlig verunglückten Blindenleitsystem vor dem Luisenforum kann er ein weiteres Beispiel nennen. Die Türen zum Bürgerbüro seien so schwer, dass Rollstuhlfahrer diese, wenn überhaupt, nur unter großer Mühe öffnen könnten. Die einzige elektrisch zu öffnende Tür zum Luisenforum befinde sich in der Kirchgasse. Doch offenbar werde jetzt Abhilfe geschaffen. Zumindest eine Schaltersäule ist am Eingang in der Dotzheimer Straße bereits installiert. Als Gedankenlosigkeit wertet Mast auch einen weiteren Fall. Im neuen Lokal "7Sinne" im früheren ESWE-Hochhaus gebe es zwar eine ausgezeichnete und großzügig gestaltete Behinderten-Toilette. Kurz vor Weihnachten hätten sich allerdings die Beschwerden gehäuft, dass die Toilette mit Barhockern, Kinderstühlen und einem hochklappbaren Wickeltisch völlig zugestellt sei. Von der notwendigen Bewegungsfreiheit keine Spur, hieß es. Und trotz Beschwerden habe sich an dem Zustand nichts geändert. Das Hinweisschild zu der Behindertentoilette sei zudem durch ein Plakat versteckt gewesen. Alleine jedenfalls sei die Einrichtung nicht nutzbar gewesen. Mast: "Es ist ein Affront gegenüber uns Behinderten, wenn wir fremde Hilfe nutzen müssen, obwohl wir sie eigentlich nicht bräuchten." Mast hält solche Vorkommnisse insbesondere deshalb für schade, weil es in Wiesbaden nur sehr wenige Lokale mit behindertengerechten Toiletten gebe. Inzwischen habe er von den Betreibern des Lokals die Zusicherung erhalten, dass die Toilette freigeräumt werde und dass das Personal strikte Anweisungen erhalte. "Ich bin auf promptes Verständnis gestoßen", lobt Mast. Gleichwohl seien mehrere Telefonate, Brief und E-Mails nötig gewesen, bis der Zustand dauerhaft geändert worden ist. Aber, sagt er: "Der Aufwand hat sich gelohnt." Doch der Fall zeige auch, dass es noch weit sei bis zu einen barrierefreien Stadt. Die größte Barriere, meint er, befinde sich noch immer in den Köpfen der Menschen. Weniger Gedankenlosigkeit als vielmehr Phantasielosigkeit wirft Wiesbadens Behindertensprecher ESWE Verkehr vor. Nicht hinnehmbar ist aus seiner Sicht, dass es keine Busverbindung mehr durch die Aukammallee gebe. Immerhin seien dort wichtige Kliniken wie DKD, Freseniusklinik oder HSK-Augenklinik, aber auch mit der Orangerie in der ehemaligen Stadtgärtnerei ein Veranstaltungsort. Allein die Orangerie habe zehn Mitarbeiter mit Behinderungen, hinzu kämen Mitarbeiter der Kliniken und Patienten.. Die müssten, falls sie den Bus benutzen, am Thermalbad oder am Plutoweg aussteigen. Als "Arroganz" wertet er in diesem Zusammenhang den Satz des ESWE-Geschäftsführers Stefan Burghardt im Fahrgastbeirat, "Geben Sie mir eine Million Euro, dann bekommen Sie auch eine Buslinie." Es sei schlicht "Nonsens", dass Klinik-Besucher oder Angestellte "mit dem Auto fahren" wollten. Mast: "Wenn kein Bus fährt, gibt es ja keine andere Wahl." ESWE rät er, "mehr Phantasie" zu zeigen und eine der Linien tagsüber von der Bierstadter Höhe "einen Schwenk durchs Aukammtal machen zu lassen." Mast verweist auf das Beispiel Horst-Schmidt-Kliniken, die ebenfalls von einem Bus direkt angefahren würden. Tatsächlich scheint gerade das Thema ESWE stets für Diskussionsstoff zu sorgen. Glücklich waren die Behindertenverbände, als es im vergangenen Jahr hieß, dass nun wieder mehrere Rollstühle in einen Bus mitgenommen werden dürfen. "Die damalige Fehlinterpretation der EU-Richtlinie ist uns aber noch gut im Gedächtnis", erklärt Mast den kritischen Blick auf ESWE-Entscheidungen. Er jedenfalls befürchtet, dass eine neue EU-Richtline dazu führen könnte, dass die üblicherweise direkt hinter dem Fahrer vorgesehenen Plätze für Behinderte verlegt würden. "Die Plätze ganz vorne sind sehr beliebt, weil sie leicht zu erreichen sind und außerdem die Kommunikation mit dem Fahrer ermöglichen", sagt er. Doch vielleicht sind die Befürchtungen voreilig. Kürzlich habe er gesehen, dass nun die vorderen Behindertenplätze offenbar nicht wegfallen, sondern durch weitere Plätze weiter hinten im Bus ergänzt würden. Das scheine "akzeptierbar und beispielhaft zu sein", meint Mast.

