Von Thorsten Glesmer
Ninja Pfeffermann verunglückte 2006 schwer / Langwierige Kämpfe
Den Juli des Jahres 2006 wird Ninja Pfeffermann wohl für immer in Erinnerung behalten. Als lockerer Sommerurlaub geplant, endete ihr Aufenthalt auf der Deutschen Lieblingsinsel Mallorca im Fiasko. Ein neun Meter tiefer Sturz von dem Balkon ihres Hotelzimmers kostete sie beinahe das Leben. Die Folgen des Unglücks sind nach mehr als zwei Jahren immer noch gravierend.
Gerade erst hatte die heute 22-jährige Ninja Pfeffermann ihre Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau erfolgreich abgeschlossen. Als Belohnung für den Berufsabschluss machte sie sich im Juli 2006 zusammen mit einer Freundin auf den Weg nach Mallorca. Doch bereits nach wenigen Tagen beendete ein schlimmes Unglück den Urlaubstraum abrupt. "Am Abend des 19. Juli war ich ziemlich erkältet, trotzdem ging ich zusammen mit meiner Freundin auf eine Party, rührte jedoch keinen Alkohol an", schildert die Wiesbadenerin eine ihrer letzten Erinnerungen an den verhängnisvollen Abend. "Morgens gegen vier Uhr kamen wir ins Hotel zurück, ich telefonierte noch mit meinem daheim gebliebenen Freund - und danach ist alles schwarz." Ein Gedächtnisverlust nach einem traumatischen Erlebnis gilt als normale Abwehrreaktion der Psyche und ist in Pfeffermanns Fall durchaus nachzuvollziehen. Den nächtlichen Gang auf den Balkon ihres im dritten Stock gelegenen Hotelzimmers bezahlte sie beinahe mit ihrem Leben. Neun Meter tief stürzte sie über die Balkonbrüstung in das dunkle Nichts. Wenige Sekunden veränderten ihr Leben für immer und sorgen seitdem für viele Fragen und noch mehr Ärger. "Rückblickend gehe ich davon aus, auf dem Balkon geraucht und mich dabei an oder auf das Geländer gelehnt zu haben. Neben einem Steinsockel und dem eigentlichen Geländer gab es dort einen aufgesteckten Handlauf, der unter mir nachgegeben haben muss", vermutet sie heute. Mit schwersten Verletzungen wurde die damals 20-jährige in das nächste Krankenhaus eingeliefert. Noch am Nachmittag des 20. Juli folgte die Not-Operation. Der Spinalkanal meiner Wirbelsäule war zu 50 Prozent eingedrückt. Bei einem Rücktransport nach Deutschland wäre ein komplettes Eindrücken möglich gewesen und dann wäre ich heute querschnittsgelähmt", konstatiert Pfeffermann bewegt. Zahlreiche Brüche Sechs Brüche an der Brustwirbelsäule, drei Lendenwirbelbrüche und zwei Fehlstellungen an der Halswirbelsäule trug die gerade dem Teenager-Alter entwachsene junge Frau davon. "Trotzdem hatte ich noch Glück im Unglück, da ich beim Fallen wohl instinktiv den Kopf in Schutz genommen hatte und außerdem auf dem Rasen und nicht auf dem Beton aufkam", schildert Ninja Pfeffermann. Dieser einigermaßen guten Nachricht folgte jedoch weiteres Unheil - in Person des Reiseleiters vor Ort. Vorwurf Suizidversuch "Bereits einen Tag nach meinem Unfall hieß es, ich sei bewusst gesprungen", sagt die 22-jährige wütend. "Aber warum sollte ich das tun? Ich war gerade mit meiner Ausbildung fertig geworden, mit meinem Freund war alles okay und auch mit meiner Freundin gab es keinen Streit", reagiert Pfeffermann mit Unverständnis auf die erhobenen Vorwürfe. "Für mich war das nur absurd. Deshalb habe ich mich auf meine Gesundheit konzentriert und kam eineinhalb Wochen später im Liegendtransport zurück nach Hause". Angekommen in der Heimat, hoffte sie, das Schlimmste hinter sich zu haben. "Aber Pustekuchen. Hier fing dann alles richtig an." Falsche Diagnosen Zunächst beklagte die junge Frau mit dem spanischen Vornamen zunehmende Schmerzen im Brustwirbelbereich. "Die Ärzte haben gesagt, das komme von den Schrauben im Lendenwirbelbereich und daher wurden keine weiteren Untersuchungen durchgeführt." Stattdessen ging es in die Reha, in der erneute Schmerzen sie nicht von ihrem Ziel, bald wieder laufen zu können, abhielten und die Ärzte weiterhin zu keinem Tätigwerden veranlassten. "Ich bin bestimmt nicht der Typ, der jammert", bilanziert Pfeffermann selbstbewusst. Daher passte es, dass sie bereits gegen Ende des Jahres 2006 gesund geschrieben wurde und ihre Arbeit wieder aufnahm. "Der Schock kam dann, als auf einmal die Brustwirbel unter der Haut nach vorne traten und deutlich sichtbar wurden", erinnert sie sich. Eine Untersuchung im Wirbelsäulenzentrum des St. Josefs-Hospitals offenbarte unentdeckte Wirbelbrüche, die bereits zusammengewachsen und somit inoperabel waren. Neue Operationen "Die Ärzte waren schockiert, dass ich trotzdem die Reha-Übungen gemacht hatte. Ein halbes Jahr nach der Gesundschreibung bekam ich dann weitere, bleibende Platten an die Halswirbelsäule eingesetzt, die Schrauben im Lendenwirbelbereich wurden entfernt ich wurde erneut krankgeschrieben." Zu der Sorge um ihre Gesundheit gesellte sich für Ninja Pfeffermann auch noch der Ärger mit dem Reiseveranstalter. "Noch immer stand der Vorwurf im Raum, ich wäre gesprungen oder hätte den Unfall selbst verschuldet", gibt die Wiesbadenerin die gegen sie erhobenen Anschuldigungen erbost wieder. Der Versuch, sich mit dem Reiseveranstalter gütlich zu einigen, scheiterte. Darüber hinaus wurde der sonst lebenslustigen Hessin die Beweislast, dass es sich weder um einen Selbstmordversuch, noch um ein Eigenverschulden handelte, auferlegt. "Ich will durchhalten" "Als junger Mensch wird man nicht ernst genommen", sagt sie resigniert. Dabei gehe es ihr gar nicht ums Geld - wenngleich der Fall bis zum Ende des Jahres 2007 Kosten in Höhe von 10000 Euro verursacht habe. "Ich will nur zeigen, dass, wenn man lange durchhält, man auch sein Recht bekommen kann." Dieses wurde ihr vom Landgericht Frankfurt zunächst verweigert. "Der Richter war nicht davon überzeugt, dass ich nicht gesprungen sei. Die Klage wurde als unbegründet abgewiesen, da auch das Balkongeländer des Hotelzimmers in Ordnung gewesen sei", sagt sie wütend. "Aber warum lag dann der Handlauf nach dem Sturz neben mir und wurde bereits am nächsten Tag wieder auf das Balkongeländer aufgesteckt?", fragt sie sich. Hohe Prozesskosten Um ihren eigenen Fall fortzuführen, aber auch um andere Urlauber vor der lauernden Gefahr zu warnen, möchte sie den Prozess unbedingt fortsetzen. "Doch das kann dauern. Erst müssen die Prozesskosten übernommen und die Berufung zugelassen werden. Wir schätzen, dass das Verfahren insgesamt drei bis vier Jahre dauern wird", weiß Pfeffermann zu berichten. Dennoch möchte sie bis zum Schluss um ihr Recht kämpfen und ist dankbar für den starken Rückhalt durch ihre Eltern. Die nächste Hiobsbotschaft folgte für Ninja Pfeffermann jedoch schon bald in ihrem Berufsleben. Zwar nahm sie im Dezember 2007 ihre Arbeit in Vollzeit wieder auf. Anfang Mai 2008 folgte jedoch ein unerwarteter Zusammenbruch. "Ich konnte mich nicht mehr bewegen, der Rücken war total versteift. Nach zwei Wochen war klar, dass ich eine volle Stelle nicht mehr schaffe und nur noch halbtags arbeiten kann." Ein verständnisvoller Arbeitgeber kam ihr in dieser Sache zunächst entgegen, als er die Kundenberaterin mit einem entsprechenden Zeitvertrag ausstattete. "Allerdings gilt der nur bis zum Ende des Jahres. Danach muss ich zum Arbeits- und Sozialamt laufen, sonst habe ich nicht genug Geld zum Leben", sagt die 22-jährige betrübt. Dennoch denkt Ninja Pfeffermann nicht ans Aufgeben und hangelt sich weiter von Erfolg zu Erfolg. "Körperlich geht es mir wieder gut genug, um sogar mit meiner Tanzgruppe an Fastnacht aufzutreten", sagt die passionierte Tänzerin. Vielleicht findet sie in ihrer ersten aktiven Saison nach dem Unfall ein wenig Ablenkung von dem Stress und den Sorgen. Zumindest bis der nächste Aschermittwoch kommt - sei es im Karneval oder im Gerichtssaal.

