Erinnerung zurzeit nicht öffentlich
03.08.2012 - WIESBADEN
Von Thomas Karschny
JÜDISCHES LEBEN Dokumentiertes Gedenken an Jente Jettie Still und Jakob Sommerfeld / Blätter nur im Aktiven Museum zu sehen
In der Zeit des Nationalsozialismus wurden über 1000 Wiesbadener Juden in die Vernichtungslager im Osten deportiert und dort ermordet. Unter den Opfern waren auch Jente Jettie Still, damals wohnhaft in der Dotzheimer Straße 31, und Jakob Sommerfeld aus der Oranienstraße 45. An beide erinnern seit gestern zwei neue zeitgeschichtliche Dokumente - Erinnerungsblätter genannt - im Aktiven Museum Spiegelgasse für deutsch-jüdische Geschichte (AMS).
Seit August 1923 war Jente Still, geborene Rabinovicz, mit Israel Hersch Still verheiratet, der in Wiesbaden einen Alt- und Packmaterialienhandel betrieb. Der einzige Sohn Bernhard (Jahrgang 1923) wurde Anfang August 1939, nur wenige Wochen bevor mit den ersten Salven auf die Westerplatte der Zweite Weltkrieg ausbrach, nach Schottland in Sicherheit gebracht. Bereits zwei Monate zuvor war sein Vater Hersch nach Belgien geflüchtet, wo er als Grubenarbeiter in einem Kohlebergwerk seinen Lebensunterhalt verdiente.
Nach Beginn des deutschen Westfeldzugs im Sommer 1940 war das belgische Exil nicht mehr sicher. Im Rahmen einer geradezu abenteuerlichen Flucht über Südfrankreich, Marokko und Gambia schaffte er es schließlich im November 1940, nach Schottland zu entkommen. Seine in Wiesbaden zurückgebliebene Ehefrau wurde am 10. Juni 1942 über Frankfurt nach Lublin deportiert und kurze Zeit später in Sobibor ermordet.
Jakob Sommerfeld kam einen Monat später in Auschwitz ums Leben. Der Wiesbadener Kaufmann war bereits frühzeitig vor den Nazis erst nach Belgien und anschließend nach Frankreich geflohen. Doch nachdem deutsche Truppen nahezu den gesamten europäischen Kontinent besetzt hatten, war er auch hier nicht mehr sicher. Ende Juli 1942 wurde er aufgegriffen und über das Durchgangslager Drancy nach Auschwitz deportiert. Seinen beiden Brüdern Schulim und Samuel dagegen gelang die Flucht nach Kuba und in die Vereinigten Staaten.
Mit den Erinnerungsblättern wird des Lebens der in der Zeit des Nationalsozialismus deportierten Wiesbadener Juden gedacht. Die Patenschaft hat diesmal das Museum selbst übernommen. „Im Gegensatz zu den Stolpersteinen ist es bei den Erinnerungsblättern nicht leicht, stets einen Paten zu finden“, so Georg Schneider vom Verein AMS. Hinzu kommt, dass die Dokumente durch die Ausstellung im Museum aus dem vom Passantenverkehr frequentierten Raum entfernt und somit kaum noch wahrnehmbar sind. Bis vor wenigen Monaten wurden die Erinnerungsblätter in zwei Schaukästen an der Ecke Spiegelgasse/Webergasse im monatlichen Wechsel präsentiert, bis wiederholte Vandalismusschäden den Umzug in die Räume des Museums notwendig machten. „Wir haben hier so gut wie keinen Publikumsverkehr. Die Ausstellung im Museum kann daher nur ein Provisorium sein“, meint Schneider. Die nicht mehr genutzten Schaukästen wurden indes vor kurzem von der Stadt abgebaut. Über einen öffentlichkeitswirksameren Ausstellungsort will die Initiative demnächst beraten.


