Wiesbadener Frauenmuseum zeigt Malerei von Theresia Hebenstreit und ihrer Tochter
21.01.2012 - WIESBADEN
Von Birgitta Lamparth
Wer von Theresia Hebenstreit vor allem ihre Keramikfiguren kennt, kann jetzt im Frauenmuseum Wiesbaden eine Überraschung erleben: Erstmals zeigt die 1950 in Wiesbaden geborene, in Dotzheim lebende Künstlerin eine reine Malerei-Ausstellung.
Und auch das Sujet erstaunt: Waren es bisher die lustvollen, in ihrer unbekümmerten, voluminösen Nacktheit strotzenden Frauenkörper, die die Keramikerin auch in Massen zusammenstellte („1001 nackt“), richtet sie nun ihren Blick aufs Gesicht. „Vom Angesicht“ ist der Titel der Schau.
Sie zeigt zwei Werkgruppen, die eng zusammenhängen. Für die erste gab es zwei Initialzündungen: Im Nachlass ihres 1973 gestorbenen Vaters entdeckte Theresia Hebenstreit das Buch „Alte Kunst, lebendig“ von Hubert Wilm, mit Fotografien von Alfred Erhardt. Im Mittelpunkt stehen Skulpturen aus dem Mittelalter. Als sie 2008 die Madonnen-Schau „Sag an, wer ist doch diese“ im Frauenmuseum besuchte, beschloss sie, sich diesem Thema zu widmen.
Mit alienhaftem Kopf und kunsthistorischem Text
Herausgekommen sind 17 großformatige Bilder, den unterschiedlichen Skulpturen der Publikation entlehnt. Nach einem ersten Versuch in Farbe - mit alienhaftem Kopf und kunsthistorischem Text im Hintergrund - entschied sich die Künstlerin für stärkere Reduktion. Eine gute Entscheidung, denn so wirken die Köpfe wesentlich intensiver: Im Stile der Grisaille-Malerei setzt sie nun die in maximal drei Farben gehaltenen Gesichter vor einen schwarzen Hintergrund.
Bei allen Madonnen handelt es sich um das Stadium der jungen Jesusmutter - und in der Überzeichnung der Charakteristika werden wieder die Mädchen lebendig, die einst den Bildhauern vom 13. bis zum 15. Jahrhundert als Modell gedient hatten. Nachdem sie nicht mehr auf ihre ikonographische Konnotation reduziert sind, wird gleichzeitig ihre Individualität deutlich. Da gibt es leicht schielende Gesichter, sanfte, entrückte, amüsierte. In der Hängung miteinander entsteht so eine Art Dialog.
Ganz wortwörtlich trifft das auf die zweite Werkgruppe zu. Denn Theresia Hebenstreit hat ihre Gemälde abfotografiert und auf kleinere Leinwände ziehen lassen - um diese Abbilder der Vorbilder dann im Wechsel mit ihrer Tochter Nadjeschda Taranczewski zu übermalen. Ein Projekt, das zwar auch manchmal, wie beide einräumen, Ärger parat hält, aber auch eine sehr unbefangene Herangehensweise zulässt - weil man weiß, dass der andere das eigene wieder jederzeit zerstören kann. Im Ergebnis aber haben sie sich immer einigen können. Knallbunt und heutiger sind diese Bilder geworden - fünfte Stufe eines Transformationsprozesses vom Modell über die Skulptur, das Foto, das Gemälde. Eigentlich Konzeptkunst.

