Wiesbadenerin ernährt sich teilweise von Lebensmitteln, die andere wegwerfen
18.10.2011 - WIESBADEN
Von Anke Hollingshaus
Talley Hoban ist mit fünf Geschwistern aufgewachsen. Vielleicht, sagt sie, liegt es auch daran, dass es ihr ein Dorn im Auge ist, wenn Lebensmittel weggeworfen werden. Vielleicht liegt es daran, dass ihre Eltern, beide US-Amerikaner, in der Kindheit schon sensibel mit Lebensmitteln umgegangen sind. „Wir haben nichts in den Müll geschmissen. Wenn Tischabfälle übrig blieben, dann haben unsere Tiere, Ziegen und andere, die bekommen“, erinnert sich Talley Hoban, die nicht aus finanziellen Gründen ihre Lebensmittel teilweise aus dem Müll holt. Die fast 38-Jährige arbeitet freiberuflich als Schreibkraft. „Ich könnte mir auch alles ganz normal kaufen“, sagt sie.
Das tut sie aber oft nicht, sondern erntet in ihrem Schrebergarten und/oder geht am späten Abend, wenn die Supermärkte geschlossen haben und auch das Putzpersonal schon fertig ist mit der Arbeit, zum „Dumpster Diving“, was man mit „Mülltauchen“ übersetzen kann. Viele nennen es auch „Containern“, soll heißen, aus dem Container nehmen.
Im Jahr 2006 hat Talley Hoban einen jungen Mann aus Lettland kennengelernt, der ihr vom „Dumpster Diving“ berichtete. Hoban beherbergt in ihrer Wohnung sehr oft Gäste. Solche, die sie privat kennt, aber auch solche, die sie über Internet kennengelernt hat, so genannte CouchSurfer. Das sind Reisende, die kostenlos bei anderen übernachten können und auch selbst Gäste aufnehmen. Mittlerweile kommen einige CouchSurfer zu Talley Hoban, um sie bei der nächtlichen Suche nach Lebensmitteln zu begleiten. Die Wiesbadenerin bietet inzwischen sogar entsprechende Workshops an.
Noch nicht angezeigt
Bisher wurden Talley Hoban und ihre Begleiter noch nicht angezeigt und sie hofft, dass das auch so bleibt. Was findet sie denn abends hinter den Märkten? „In allererster Linie Obst und Gemüse“, berichtet Talley und beschreibt näher: „Oft sind es Sachen, die in der Küche mit Arbeit verbunden sind.“ Rotkohl, Weißkohl oder Wirsing derzeit zum Beispiel. Aber auch oft Salat. Häufig tauchen in den Tonnen auch Avocados auf. „Die kommen ja unreif in den Supermarktregalen an. Und wenn dann 20 Kunden draufgedrückt haben, um zu fühlen, ob die Avocado schon weich ist, sieht sie halt nicht mehr schön aus“, analysiert die US-Amerikanerin die Gründe, warum eigentlich noch gute und schmackhafte Ware im Müll landet.
Beim Obst liegen Bananen ganz vorne: „Und zwar dann, wenn sie braune Pünktchen haben.“ Selbstverständlich schmecken sie noch und sind natürlich nicht verdorben, aber niemand will sie in diesem Zustand kaufen.
Bei den Discountern, so erlebt es Talley Hoban, finde man wenig im Container. „Aldi hat sowieso alles abgeschlossen und die anderen kalkulieren anscheinend so knapp, dass weniger weggeschmissen wird“, so ihre Vermutung. Besonders viel hingegen lande bei Großmärkten im Müll, also bei solchen, die andere Händler noch beliefern. Hobans Rekord: „90 Kilo Reis.“ In einem Reissack seien Schädlinge gewesen, erinnert sich die Wiesbadenerin. „Aber alles andere war völlig in Ordnung.“ Sogar tiefgekühltes Fleisch hat sie einmal in großer Menge aus dem Müll geholt. „30 Kilo Bio-Entenbrust. Ich habe die weiter eingefroren und konnte noch Monate lang davon essen.“


