Nicht als Täter geboren
31.03.2011 - WIESBADEN
Von Rajko Dikmann
BERATUNG BIZeps kümmert sich um gefährdete Kinder und Jugendliche / Neue Räume bezogen
Männer - sie sind zwei Drittel aller Notfallpatienten, sie trinken und rauchen mehr als Frauen und konsumieren doppelt so häufig legale wie illegale Drogen. Kein Wunder, dass das starke Geschlecht mit durchschnittlich 75,9 Jahren stirbt, während Frauen 81,5 Jahre leben.
Doch nicht um die Zahlen geht es Norbert Isner, sondern um das allseits bekannte Männer-Klischee - das starke Geschlecht. „Die Statistiken sind unter anderem das Resultat überkommener und falscher Rollenerwartungen. Das Bild vom Mann als starkem Ernährer, der den Gang zum Arzt als eigene Schwäche ansieht und Konflikte lieber mit sich selbst austrägt, ist noch immer aktuell. Das kann über kurz oder lang zu schwerwiegenden Folgen führen.“
Isner muss es wissen. Mit dem Schwerpunkt „Sexuell übergriffige Kinder und Jugendliche“ arbeitet er im „BIZeps“, dem Beratungs- und Informationszentrum für Männer und Jungen. Als eine der wenigen Männerberatungsstellen des Landes arbeitet BIZeps so erfolgreich, dass es kürzlich in größere Räumlichkeiten in der Langgasse 18 umgezogen ist.
Es scheint, auch Männer brauchen Beratung. Natürlich sei dies der Fall, sagt Isner. Vor allem fehlten gerade im Beginn der Erziehung, in Kindergarten wie Schule, männliche Erzieher, die als Vorbilder fungieren könnten. „Jungs wachsen häufig in einem feminin geprägten Umfeld auf, in dem sie Grenzen und Verbote von Frauen aufgezeigt bekommen. Dies kann zu genereller, einseitiger Wut auf das weibliche Geschlecht führen.“
Isner spricht hier vom Unterbewussten, vom Verdrängten, das zukünftiges Handeln beeinflussen kann. Seine Forderung: „Männer müssen rein in Grundschulen und Kindergärten. Sie müssen ein männliches Vorbild vorleben, wo es bislang wegen des feminisierten Berufsbildes Grundschullehrer nicht existiert.“
Kein Schläger, kein Kleinkrimineller, kein prügelnder Gatte werde als Täter geboren, ist Isner überzeugt. „Vielmehr sind viele Ursachen für jene Wirkung verantwortlich“, sagt er. Generell sei zu sagen, dass jedes Kind, das Gewalt erlebt habe, sehr gefährdet sei, selbst Gewalt auszuüben.
Damit meint Isner nicht nur direkte Schläge des Vaters oder der Mutter aus dem Elternhaus, sondern auch passive Beteiligung der Kinder. „Wenn ein Junge sieht, dass der Vater die Mutter schlägt, weil sie nicht gehorcht, und diese dann ihre Arbeit verrichtet, dann ist es gut möglich, dass er später ähnlich handeln wird und bei der Freundin zuschlägt.“
Aus diesem Grund arbeitet BIZeps rein deliktorientiert. Erst wird die Tat aufgearbeitet, dann geht es an die Personenarbeit. „Wir wollen herkömmlicher Rollenbilder auflösen. Das Zeigen von Gefühlen und das Eingestehen von Fehlern kann ein einvernehmlicheres Zusammenleben von Mann und Frau zur Folge haben und häusliche Gewalt von vorneherein verhindern.“
In Sachen sexueller Neigungen sei aber vom Therapiegedanken abzusehen. „Pädophilie ist eine Neigung wie Homosexualität“, so Isner. Wenn man pädophil ist, müsse man also einen Umgang damit finden, ohne straffällig zu werden. „Mehr ist hier nicht zu leisten. Eine Neigung ist schlicht nicht wegtherapierbar.“

