Von Volker Stavenow
WISSENSCHAFT Oberroderinnen Julia und Sarah Tonn unterrichten gemeinsam an chinesischer Uni in Dalian
OBERROD. Es ist noch gar nicht solange her, dass die Schwestern Julia und Sarah Tonn (beide Abi PSI Idstein) aus Idstein-Oberrod Tag für Tag in den Hörsälen der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz saßen und für ihren Magister-Abschluss büffelten. In wenigen Tagen werden sie jetzt selber als Dozentinnen gemeinsam anspruchsvolle Vorlesungen halten: In deutscher Sprache zu den Themen "Wirtschaftswissenschaftliche Organisationstheorien und Organisationsforschung". Dabei unterrichten sie nicht im Hörsaal um die Ecke, sondern an der "Dongbei University of Finance and Economics" in der chinesischen Hafenstadt Dalian in der Provinz Liaoning.
Nach Abschluss ihres Studiums (Soziologie mit unterschiedlichen Schwerpunkten) promovieren die beiden Tonns zur Zeit in Wirtschaftssoziologie. Dass sie am 16. März das Flugzeug besteigen, über Peking nach Dalian fliegen, wo sie vom 22. März bis 3. April ihre Vorlesungen halten, verdanken sie der Kooperation der Uni Mainz mit der Uni in Dalian. Chinesische Studenten der Wirtschaftswissenschaften studieren in Mainz und umgekehrt. Und: Mainzer Lehrstuhlmitarbeiter halten eben auch Vorlesungen in China.
"Ich freue mich riesig, dass ich diesen Lehrauftrag zusammen mit meiner Schwester Sarah bekommen habe. Ich denke, zu Zweit kommt man auch ganz gut an die chinesischen Studenten heran", ist die 29-jährige Julia Tonn sicher, dass die gemeinsame Reise nach China zu einem unvergesslichen Erlebnis wird. "Wir waren bisher nur als Touristen in China, aber jetzt erhoffe ich mir, dass wir mehr Einblicke in das chinesische Alltagsleben erhalten. Wir werden den Kontakt zu Chinesen suchen, persönliche Gespräche mit Einheimischen führen und sind schon gespannt, wie die Studenten in Dalian auf unsere Vorlesungen reagieren", ist auch die 28-jährige Sarah Tonn voller Vorfreude.
"Unser Lehrauftrag umfasst eine Vorlesung von vier Stunden täglich und einer Übung von zwei Nachmittagen die Woche", schildern die Schwestern ihren künftigen Arbeitsalltag. Dabei müssen sich die chinesischen Studenten schon mal auf Neuerungen in der Unterrichtsform einstellen. "Wir machen zwar Frontalunterricht und viele Wiederholungen, werden aber ganz sicher auch die Studenten dazu bewegen, aktiv zum Unterricht etwas beizutragen", blickt Sarah Tonn selbstbewusst voraus. Das ist für die chinesischen Kommilitonen ungewohnt, muss aber sein. "Denn diese chinesischen Studenten kommen alle zum Austausch nach Mainz und werden von uns quasi auf die Unterrichtsformen der Gutenberg-Uni vorbereitet." Und selbstverständlich schreiben die Chinesen bei den Tonn-Schwestern auch eine Klausur, die von den beiden Oberroderinnen benotet wird.
Dass alles kostet viel Vorbereitungszeit, Energie und bedingt umfassendes Organisationstalent. Dafür bekommen die Schwestern die Flüge bezahlt, ein Gehalt und wohnen kostenlos in einem Studentenwohnheim. Und so nebenbei lernen sie das chinesische Leben "ganz normaler Menschen" hautnah kennen.
Nach Beendigung ihres gemeinsamen Lehrauftrages heißt es für die Tonn-Schwestern aber noch nicht Abschiednehmen von China. "Wir werden uns danach mit unserem Vater treffen und zu Dritt noch eine touristische Reise durch das Land unternehmen, ehe wir am 19. April von Hongkong wieder nach Frankfurt zurückfliegen", erzählt Julia Tonn. Und danach? "Zuhause wollen wir beide unsere Doktorarbeiten beenden, in der Wirtschaft Praxis sammeln - und Karriere machen!" umreißt Sarah Tonn selbstbewusst die Ziele der Geschwister.

