Sprache und Sprachlosigkeit
23.11.2010 - IDSTEIN
Von Marion Diefenbach
WORTWITZ Matthias Mayer stellt satirsch Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt vor
„Hat jemand Gefühle mitgebracht, die ich verletzen könnte?“ Mit Fragen wie diesen beliebte „Herr Mayer“ - seines Zeichens „Journalist, Buchhändler und Clown“ aus Langenselbold - unter dem Titel „Gestatten unangenehm“ am vergangenen Samstagabend im Idsteiner Tennisrestaurant „Egalité“ sein Publikum in Sprachlosigkeit zu versetzen.
Allerdings überwogen in der gemeinsamen Veranstaltung von Idsteiner Tennisclub und Hexenbuchladen die Momente, in denen man sich vor Lachen kaum noch auf dem Stuhl halten konnte: ob er mit hinreißend komischer Mimik über „hässliche Wörter für schöne Dinge“ wie etwa „Geschlechtsverkehr“ oder „Wurst“ dozierte mit dem Fazit, „Schimpfwörter sind schön, weil sie den Wunsch nach einer besseren Welt in sich tragen“, oder Anekdoten aus seiner Tätigkeit als Buchhändler erzählte, der viel Geduld für Kunden am Telefon braucht („ich rufe doch auch nicht im Schuhgeschäft an und frage, was Sie denn so da haben…“) - blitzschnelle Skurilitäten und Absurditäten, verpackt in süffisante Wortspiele und theatralisch perfekt in Szene gesetzt, ließen dem Publikum kaum Atempausen.
So rief die Aufforderung, um 22 Uhr anlässlich der vorher angekündigten und von Weckergeklingel gemeldeten „Babysitterschneise“ bei Bedarf die Veranstaltung zu verlassen, im Publikum schlagartig Stille hervor - und die Angst, jetzt schon gehen zu müssen.
Die Ankündigung des Abends als satirische Buchvorstellung hatte wohl sachlich den Kern getroffen, wurde jedoch der Veranstaltung alles andere als gerecht: Zu sehen und zu hören war einer, der mit Sprache umgeht wie mit einer Geliebten - kunstvoll verspielt, immer wieder staunend und voller Leidenschaft. Literatur sei ein „Fenster in ein anderes Leben“, also „gehen Sie offenen Auges durch die Welt der Worte“, waren zwei der eher seltenen ernsten Sätze des Programms.
Im Rahmen der Aufteilung auf sechs Säulen - Was Sprache soll und will und wollen soll, Sprache als Territorium, Sprache und Rhythmus, Sprache und Musik, Sprache und Kommerz, Was Sprache kann - präsentierte der Künstler Neologismen wie etwa „Änderungsfleischerei“ (Schönheitschirurgie oder „Netzhautpeitsche“ (Zumutung für’s Auge) aus „HÄ?? Jugendsprache unplugged 2010/2011“ und Zitate ungewöhnlicher Todesanzeigen aus „Aus die Maus“ und „Wir sind unfassbar“. In Verbindung mit Sprache und Rhythmus erheiterten kurze Gedichte von Robert Gernhardt, den er als „einen der ganz, ganz Großen“ bezeichnete, die „Kanaken“ (in der ursprünglichen Bedeutung von „Mensch“, die einer negativen Konditionierung zum Opfer gefallen ist) mindestens ebenso wie der schelmisch vorgetragene Auszug aus der Geschichte „Kamfu mir helfen“ von Barbara und Dirk Schmidt, in der ein Elefant mit verbogenem Rüssel Hilfe braucht.
Neben der praktischen Demonstration von „Wiedererkennbarkeiten“ in der Sprache der Musik anhand gesungener Bassläufe präsentierte Mayer Missverständnisse aus „Wumbabas Vermächtnis“, dem „dritten Handbuch des Verhörens“ von Axel Hacke und Michael Sowa, wie etwa „Griechisch-Hawai“ von Udo Jürgens (für „Griechischer Wein“). Unter der Überschrift „Sprache und Kommerz“, die beide allgegenwärtig seien, rief das Beispiel des „Zewa Aktiv-Wischtuchs“, das Herr Mayer auf den Tisch legt mit den Worten „Na, dann mach mal“, ungezügelte Heiterkeit hervor, ebenso wie Auszüge aus „Arschgeweih - Das andere Lexikon der Gegenwart“ (Kuhn) zur humoristischen Definition von Auswahlmenüs am Telefon.
„Was Sprache kann“: Als Lösungsmittel, das gleichzeitig verschiedene Perspektiven durchleuchten kann, ist sie zuweilen ihrer Zeit voraus, kann einer Logik folgen oder sie auch entlarven, und sie eignet sich für Akrobatik - die mit einem Zungenbrecher zur „Rhabarber-Barbara“ verdeutlicht wurde. Die „innere Parodie von Listen“ zeigte der Künstler am Beispiel „Die sexuellen Phantasien der Kohlmeisen“ auf, und den gelungenen Abschluss bildeten Beispiele aus Gernhards „Bilden Sie mal einen Satz mit…“, etwa: Stalingrad - „Teures Stück, der Apparat? Keineswegs, ich stahl ihn grad!“
Als der Abend nach der Zugabe kurz vor 23 Uhr endet, hatten die Zuschauer ein facettenreiches satirisches Feuerwerk mit und über Sprache genossen, auf hohem Niveau und doch zum Brüllen komisch - ein wirklich kultureller Höhepunkt. Die Buchliste sowie alle Titel sind im Hexenbuchladen erhältlich; weitere Infos unter www.HerrMayer.com.

