Zwiebelkuchen, Pizza und Kuchen
16.08.2010 - EHRENBACH
Von Marion Diefenbach
HOFFEST Landgut Ehrenbach mit Bäckerei der Lebenshilfe Wiesbaden besteht seit zehn Jahren
„Ich bin…“, „Ich lebe hier seit…“, „Was ich gut finde…“, „Was mich froh macht…“ lauten die von den Bewohnern handschriftlich ergänzten Satzanfänge in großen Rahmen mit ihrem jeweiligen Portraitfoto, die in dem riesigen, idyllischen Garten an Bäumen und Sträuchern verteilt aufgehängt waren. Sie präsentieren sich gern, denn sie haben das mehr als gut besuchte Jubiläum von Landgut und Landbäckerei Ehrenbach, das bei strahlendem Sonnenschein erstmals im Garten anstatt im Hof stattfand, nach der samstäglichen Arbeit in der Bäckerei mit viel Mühe unter Anleitung selbst vorbereitet.
Zeitweilig kaum noch freie Parkplätze
Kuchen sowie später Pizza und Zwiebelkuchen überzeugten die Besucher bei musikalischer Untermalung durch die Idsteiner Big Band von der hochwertigen Qualität der Bäckereiprodukte, und neben einer Judovorführung des Behindertensportvereins war eine riesige Hüpfburg aufgebaut, wo sich die Kleinen austoben konnten. So gab es rund um das Landgut zeitweilig kaum noch freie Parkplätze, denn es waren nicht nur andere Gruppen der Lebenshilfe e.V. wie beispielsweise vom Wiesbadener Gräselberg gekommen, sondern auch viele Interessierte jeden Alters aus Idstein und Umgebung.
Die derzeit acht geistig Behinderten im Alter von 25 bis 55 Jahren - sechs junge Männer und ein Päärchen - leben und arbeiten im „Betreuten Außenwohnen“ der Lebenshilfe Wiesbaden e.V. in Wohngemeinschaften auf dem Landgut Ehrenbach und können dort unter professioneller Anleitung der beiden Betreuerinnen Heidi Wolf und Gloria Musco ihr Leben weitgehend selbst gestalten. Nach der Arbeit in der Bäckerei von Bäckermeister Horst Brunke, für die sie nachts um halb drei Uhr aufstehen, leisten sie ab 8 Uhr Dienste rund um das Haus, denn Backstube, Hof und Wohnbereiche müssen sauber und in Ordnung gehalten werden. Anschließend können sie in jeder WG gesondert kochen, und ab 14 Uhr gehört der Tag dann ihnen.
„Wir bieten überwiegend Unterstützung im täglichen Ablauf, Struktur und Beratung,“ sagt Gloria Musco. Eine große Rolle spiele außerdem die Konfliktbewältigung und Vermittlung, erläutert sie, denn wie überall komme es im engeren Zusammenleben immer wieder zu Auseinandersetzungen.
Im Großen und Ganzen steht allerdings im Vordergrund, dass die Menschen hier durch ihre „geschützten Arbeitsplätze“ in familiärer Atmosphäre viel Selbstwertgefühl haben - sie sind von Anfang an in die Herstellung der überwiegend naturbelassenen Produkte eingebunden, von der Mehlmischung für die Brote, Brötchen und süßen Backwaren bis zu ihrem Verkauf vor Ort bzw. ihrer Lieferung an den Dorfladen Holzhausen, den Dorfladen Seitzenhahn, die Bäckerei Hunger in Niedernhausen sowie die Helios-Kliniken in Idstein und Bad Schwalbach.
Frage nach dem Verbleib ungelöst
Die Lebenshilfe e.V. betreue lebenslänglich, erläutert Gloria Musco. Allerdings sei die Frage nach dem weiteren Verbleib von Bewohnern, die in Rente gehen, noch nicht endgültig geklärt, denn die Menschen mit Beeinträchtigung haben nach vielen Jahren ihren Lebensmittelpunkt in der Einrichtung, in der sie wohnen, und können nicht ohne weiteres „verpflanzt“ werden. Dieses Problem und der Umgang damit wird in den kommenden Jahren ein vordringliches Thema nicht nur der Behindertenpädagogik darstellen.
Das Landgut Ehrenbach wurde vor zehn Jahren von der Lebenshilfe Wiesbaden erworben und renoviert. Derzeit sind zwei Plätze frei; Informationen gibt es im Internet unter www.lebenshilfe-wiesbaden.de

