„Den Kindern Ruhe geben”
26.01.2012 - IDSTEIN
Von Jonas Hentschel
ENTSPANNUNG Marion Schnell bietet Workshops für den Nachwuchs zwischen drei und zwölf Jahren an
„Den eigenen Körper zu spüren, ein Gefühl für sich und die eigenen Bedürfnisse zu haben, kommt Kindern heute allzu schnell abhanden.“ Marion Schnell weiß, wovon sie spricht. In ihrem 30. Berufsjahr als Erzieherin im Idsteiner Gänsberg-Kindergarten und Veranstalterin von Entspannungs-Workshops ist der Trend für sie unverkennbar: „Seit Beginn meiner Arbeit erlebe ich die stetige Veränderung der Kinder. Die Gesellschaft ist schneller und hektischer geworden, Medien spielen eine immer größere Rolle. Das geht an den Kindern nicht spurlos vorbei. Im Freien spielen, Bewegungserfahrungen und vielfältige Sinneseindrücke - all dies wird leider immer weniger selbstverständlich.” Unruhe, Konzentrationsschwierigkeiten und mangelndes Körpergefühl beobachtet sie schon bei Kindergartenkindern immer häufiger .
Nachdem sie vor zehn Jahren begonnen hat, sich mit Entspannungsmöglichkeiten, Körper- und Konzentrationsübungen auseinanderzusetzen, machte sie bald eine so unerwartete wie erfreuliche Erfahrung: „Gerade die besonders unruhigen Kinder scheinen Übungen der Ruhe und Stille aufzusaugen wie ein Schwamm!”
Nur folgerichtig, dass solche Momente immer mehr Eingang in ihre alltägliche Arbeit finden. Seitdem bietet Marion Schnell neben ihrer beruflichen Tätigkeit im Idsteiner Gänsberg-Kindergarten auch Entspannungskurse für Kinder an. Dabei greift sie auch auf allgemein anerkannte Techniken wie Kinesiologie, autogenes Training, Yoga und progressive Muskelentspannung zurück.
Eine Kerze brennt, im Kreis darum herum sitzen Marion Schnell, Marco (sieben Jahre), Alicia (acht), Tim (sieben) und Lucas (sechs), sowie die jeweiligen Kuscheltiere der kleinen Teilnehmer. „Heute spielen wir ein Spiel”, kündigt Sie den vier jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmern (Stofftiere nicht mitgerechnet) ihres Workshops „Komm mit ins Regenbogenland” an.
Spontaner Jubel zeigt allgemeine Zustimmung. „Ein Schildkrötenspiel. Jeder ist eine Schildkröte - und wie bewegen sich Schildkröten?” „Laaangsam”, weiß Alicia. „Ich bin zweihundert Jahre alt!” steht für Marco sogleich fest, während Tim „eine Babyschildkröte” sein will. Auf der „Schildkrötenwiese” kriechen bald die verschiedenen „Tiere” sehr langsam mit geschlossenen Augen herum, müssen bei Berührung mit anderen still verharren oder dürfen weiterkriechen. Die Atmosphäre wird ruhig, entspannt, dennoch aktiv und konzentriert. „Versunken im Spiel zu sein, ist eine wichtige Grundvoraussetzung für Konzentration”, erklärt Marion Schnell.
Auf vielfältigen Wegen können Kinder in solch einem geschütztem Rahmen zu inneren Ressourcen finden. In der Ruhe geht dies oft leichter als im oft lauten und hektischen Alltag: „Kinder können durch Fantasiereisen viel erreichen. Alltagsproblemen kann so auf neue Art begegnet werden. So hatte sich ein Mädchen nie getraut, vor der Klasse zu sprechen. Durch eine Fantasiereise, in der sie aus einer „Mutquelle” Wasser trank, konnte sie diese Angst überwinden”.
Dass ihre Arbeit im Alltag der Schützlinge nachwirkt, ist der Erzieherin besonders wichtig: „Oftmals ist der Beginn, dass Kinder erst einmal merken müssen, in welchen Momenten sie angespannt sind oder etwas nicht stimmt. Für diese Situationen möchte ich ihnen dann etwas an die Hand geben, um sich selbst helfen zu können. Dies ist ab dem Grundschulalter möglich.”
So konnte sie schon Kindern mit Schlafstörungen, Migräne, nervöser Blasenschwäche und Ängsten helfen. „Mir liegt außerdem am Herzen“, so die Entspannungspädagogin, „dass die Eltern mitarbeiten, Geduld haben, den Kindern Möglichkeiten zur Ruhe geben. Vielleicht auch einmal sich oder die Tagesstruktur überdenken. Denn: entspannte Mama - entspannte Kinder”.
Neben dem seelischen zur Ruhe kommen, ist ihr das Thema Körperbewußtsein ein besonderes Anliegen. Dabei kann es auch einmal wilder zugehen, wenn, wie im Workshop „Im Körper zu Hause”, Kissenschlacht auf dem Programm steht. In der Körpermeditation wird jedoch dann auch der Ruhe wieder der Raum gegeben, der so wichtig ist in der Arbeit von Marion Schnell.

