Gedenktafel ist nicht genug
21.09.2011 - HEFTRICH
HEXENVERFOLGUNG Pfarrer Markus Eisele will dunkle Geschichte aufarbeiten
Cäcilie Zeitlose Wicht, Pfarrfrau von Heftrich, wurde am 22. März 1676 am Ende eines der spektakulärsten Hexenprozesse in Idstein hingerichtet. Insgesamt 39 Menschen wurden in diesem Jahr Opfer der Verfolgung in Idstein. Die evangelische Kirchengemeinde in Heftrich will sich in den kommenden Jahren intensiv mit der Geschichte von Cäcilie Zeitlose Wicht beschäftigen. Pfarrer Markus Eisele würde sich sehr freuen, wenn möglichst viele Menschen dieses Projekt begleiten würden.
Droht das Schicksal dieser Pfarrfrau in Vergessenheit zu geraten?
Nein, ihre Geschichte ist im Wissen der Heftricher Bevölkerung verankert. Aber wir wollen dieses Wissen vertiefen und in den weiteren historischen und aktuellen Zusammenhang stellen, um daraus für heute zu lernen. Denkbar ist, dass am Ende der Beschäftigung - wie zurzeit an vielen Orten in Deutschland - eine sozialethische Rehabilitation als ein deutliches Zeichen stehen könnte.
Wie kam es zu diesem Projekt?
Vor einiger Zeit hat sich der Kirchenvorstand entschlossen, Schilder mit kurzen historischen Informationen an der Heftricher Kirche und am Pfarrhaus anzubringen. In diesem Zusammenhang soll auch die Geschichte der Cäcilie Zeitlose Wicht nicht verschwiegen werden. Im Gespräch wurde aber deutlich, dass eine bloße Gedenktafel zu einfach und oberflächlich wäre.
Es geht also um Aufarbeitung und Verantwortung?
Ja, denn auch in Heftrich und Idstein wurde Unrechtsgeschichte geschrieben und die christliche Gemeinde und die Gemeindepfarrer hatten damals einen signifikanten Anteil daran. Der Verantwortung, dieses dunkle Kapitel unserer Geschichte aufzuarbeiten, wollen wir uns stellen. Als christliche Gemeinde sollen und wollen wir Gottes Gegenwart bezeugen, Menschen in die Nachfolge Jesu rufen und von Gottes Reich künden. Das kann jedoch nur gelingen, wenn Reden und Handeln glaubwürdig sind. Nach unserem Verständnis bedeutet das, dass wir uns auch mit den Fehlern der christlichen Kirche in der Vergangenheit auseinandersetzen.
Was ist geplant?
Wir haben uns von ähnlichen Projekten zum Beispiel in Eschwege, Hofheim und Düsseldorf ermutigen lassen und wollen uns im Zeitraum von zwei Jahren mit einer Veranstaltungsreihe mit dem Thema Hexenverfolgung befassen. Dabei soll das Projekt auch in verschiedenen Gemeindegruppen und in der Öffentlichkeit thematisiert werden. Es ist gut, dass wir auf das aufbauen können, was in Idstein bereits vor einigen Jahren zum Thema erarbeitet wurde. Die Gedenktafel am Hexenturm zeugt davon.
Wie lautet das Thema der Auftaktveranstaltung?
Am Buß- und Bettag, dem 16. November, spricht um 20.15 Uhr der Heftricher Heimatforscher Andreas Schmitt im Gemeindehaus über „Hintergründe und Umstände der Hexenverfolgung im Idsteiner Land am Beispiel der Pfarrfrau von Heftrich“.
Und wie geht es dann weiter?
Im nächsten Jahr wollen wir einen Historiker um eine Einordnung unserer Lokalgeschichte in den größeren Zusammenhang der Geschichte der Hexenverfolgung bitten. Anschließend möchten wir mithilfe eines Sozialwissenschaftlers verstehen, warum und unter welchen Umständen Menschen verfolgt werden. Im darauf folgenden Jahr wollen wir mit anderen christlichen Gemeinden und Kommunen ins Gespräch darüber kommen, wie sie mit ihrer Geschichte umgehen.
Und die Gedenktafel?
Die würde zum Abschluss am Pfarrhaus angebracht. Denkbar wäre aber auch ein Bekenntnis des Kirchenvorstands zur Verantwortung für das begangene Unrecht und eine von der Stadt Idstein ausgesprochene Rehabilitation der Opfer.
Das Gespräch führte Ingrid Nicolai

