Ein Halleluja für die Engel
06.09.2010 - HOHENSTEIN
Von Hendrik Jung
KIRCHENNACHT Musik und Malerei im Hennethaler Gotteshaus
Zum zweiten Mal fand rund um das Idsteiner Land die Nacht der Kirchen statt. Als westlichste aller beteiligten Gemeinden wirkte auch die evangelische Kirche in Hennethal daran mit.
Die Kirchenbänke sind fast bis auf den letzten Platz besetzt. Rund um die versammelten Besucher hat aber auch ein gutes Dutzend Engel seinen Platz gefunden. Ob der Engel der Stille, des Guten oder der Hoffnung, ob figürlich oder fast in Abstraktion verloren - alle sind sie eindeutig weiblich, tragen langes Haar und imposante Flügel. In der Mitte, direkt am Altar, verschmilzt der Engel der Fürbitte fast mit dem Raum, weil die Farben seiner Darstellung denen des Kirchen-Inneren so sehr gleichen.
Premiere für den kleinen Familien-Chor
Außerdem stehen immer wieder Musiker davor und lassen ihn für einen Moment in den Hintergrund treten. „Es ist schön, dass sie hier heute ihren Platz gefunden haben, zwischen all den Menschen und der Musik“, freut sich Malerin Ilse Voigt, die sich während einer schweren Phase ihres Lebens vor fünf Jahren mit diesem Thema auseinander gesetzt hat.
Wie zwei blonde Engel stehen auch Judith Minor-Kreer und ihre Nichte Anna-Lena Christ im Kreis der Acryl-Gemälde und singen Bette Middlers „Did you ever know you are my hero“ und Carol Kings „You’ve got a friend“. „Das ist das erste Mal, das wir zwei zusammen singen. Vor einer Woche hat mir meine Schwester, die eigentlich mit ihrer Tochter zusammen singen wollte, gesagt, dass sie verhindert sei und dann haben wir beide eben etwas eingeübt“, erläutert Judith Minor-Kreer nach der gelungenen Premiere.
Dann übernimmt Michael Großmann von der Wiesbadener Musikschule den Stab. Oder besser die Schlägel, denn er spielt sein Marimbaphon gleich mit vieren davon. Die Bandbreite reicht dabei von drei Sätzen aus einer Suite Johann Sebastian Bachs, die dieser eigentlich für das Cello komponiert hat, bis zu drei Eigenkompositionen Großmanns. Letztere machen die vielfältigen Möglichkeiten des Instruments besonders deutlich, weil der Musiklehrer sie auch für seinen Unterricht einsetzt.
In „My melancholic roll“ beispielsweise kann man gut erkennen, dass das Spiel der beiden Hände teilweise wie beim Klavier aufgeteilt ist: Mit den Schlägeln in der linken Hand erzeugt Großmann die Wirbel, die er im Titel ankündigt (roll). Mit der rechten Hand dagegen spielt er die melancholisch-trübsinnigen Klänge, die sich wie die Schritte eines Menschen anhören, der in seine Gedanken versunken überhaupt nicht darauf achtet, wohin sein Gang ihn führt. Ganz besonders beeindruckend gelingt ihm die Interpretation einer Komposition der tauben Schlagzeugerin Evelyn Glennie. Ihr kleines Gebet („A little prayer“) scheint aus tiefstem Herzen zu kommen, denn das Stück weist eine ungeheure Tiefe auf, die Michael Großmann durch die hohe Dynamik seines Spiels auch sehr ergreifend umzusetzen versteht.
Unterdessen ist es draußen endgültig dunkel geworden und die Fenster der Kirche werden von außen so angestrahlt, dass sie alle paar Minuten ihre Farbe von blau auf rot und schließlich gelblich-grün wechseln. Das ist der Zeitpunkt, zu dem der Chor Buntspechte mit seinen Halleluja-Variationen aufwartet.
Buntspechte machen Lust auf ihr Konzert
Bindet Chorleiter Markus Specht bei der Gesangbuch-Variante die Gäste noch aktiv mit ein, so dürfen sie anschließend die Fassungen des ehemaligen Grand-Prix Siegertitels sowie von Hanne Haller und Leonard Cohen wieder als Publikum genießen. Später präsentiert der Chor noch Ausschnitte seines Repertoires, wie er es auch bei seinem Auftritt am 13. November in der Turnhalle von Hennethal auf die Bühne bringen wird.
Zuvor aber gibt es noch Orgelklänge zu genießen. Erst von Markus Specht und dann von Sebastian Leichtfuss zu Gehör gebracht. Klar, dass es bei so einer langen Kirchennacht auch an Stärkung für den Körper nicht gemangelt hat, so dass die Besucher am Ende an Leib und Seele gestärkt den Weg nach Hause antreten konnten.

