Grenzwanderung um Hettenhain
28.12.2011 - HETTENHAIN
Von Thorsten Stötzer
Als in Hettenhain die Wilhelmstraße entstand, siedelten sich dort nach allgemeinem Sprachgebrauch die „besseren Leute“ an. Die mochten es nicht, wenn Pferdeäpfel vor ihrer Tür lagen, deshalb musste der Ausscheller im Dorf bekannt geben, dass die Straße ab sofort gesperrt sei. „Es hat sich aber niemand dran gehalten“, erklärt Ernst Jude, der bei der Grenzbegehung der Hettenhainer Feuerwehr die Ortsgeschichte beleuchtet.
Das Wirken der Ausscheller hilft Jude diesmal als roter Faden für seine Geschichten über das Dorf. Offiziell hießen die Männer mit der Schelle und der kräftigen Stimme Gemeindediener, bis 1963 waren sie in der Ortschaft tätig. „Nach dem Krieg gab es auch zwei Dienerinnen“, erzählt Jude. Was sie verkündeten, scherte jedoch nicht jeden. Die Hettenhainer müssten ein „ziemlich unfolgsames Völkchen“ gewesen sein, meint eine Neubürgerin.
Schlittenfahren im Ort war einst verboten
„Das Schlittenfahren auf den Gemeindestraßen ist verboten“, lautete beispielsweise eine der Anweisungen, die gerne ignoriert wurden. Ernst Jude erinnert sich an lange Rodel-Abfahrten vom Roten Stein, durch das Dorf hindurch bis zur Aarstraße. Diese Tour ist so lange, dass die Kinder sie sich nur ein Mal am Tag gönnen konnten. Richtige Probleme entstanden erst, wenn die Polizei einen Schlitten beschlagnahmte. Der Rote Stein ist eine Raststation bei der Grenzbegehung, die am Feuerwehr-Gerätehaus in der Ortsmitte beginnt. Später geht es durch die „Mulmach“ an die Aar, wo am alten Damm Glühwein wartet. 30 Wanderer vom Schulkind bis zum Rentner sowie sieben Hunde marschieren anschließend über den Radweg talabwärts und schließlich wieder ein Stück den Berg hinauf in ihr Heimatdorf.
7,5 Kilometer Strecke bewältigt die Gruppe insgesamt. Ernst Jude fährt mit seinem Traktor zu Sammelpunkten voraus, um zu erzählen, Schnaps auszuschenken und laminierte Fotos mit historischen Ansichten zu zeigen. Auf denen ist auch eine Kolonne Schnee-Schipper am Bärstadter Weg zu sehen. Fast nur Frauen waren dort im Kriegswinter 1941/1942 tätig, mittendrin der Bürgermeister als „Hahn im Korb“.
Zu solchen Arbeitseinsätzen aufzurufen, war ebenfalls Aufgabe des Gemeindedieners. Die Familie, die nicht mithalf, musste strafweise einen Stundensatz zahlen. Die Bilder vom Schnee-Schippen bringen natürlich die Zustände von der Grenzbegehung 2010 ins Gedächtnis zurück. Seinerzeit lagen 60 Zentimeter Schnee, ein Jahr später präsentiert sich die Landschaft in allen Schattierungen von Grün, Grau und Braun.
Im Frühjahr war früher das Federvieh einzusperren, damit es nicht die keimenden Saaten aufpickt. Auch das gab der Ausscheller bekannt, aber wie so oft galt: Gehalten hat sich keiner dran, jedenfalls nicht so genau. Dass abends die Versorgungsrente ausgeteilt wird, und jeder Empfänger eine Lebensbescheinigung mitbringen müsse, war eine andere bedeutsame Nachricht in der alten Zeit.
„Die Grenzbegehung hat bei uns schon Tradition“, sagt Wehrführer Magnus Meier. Sie halte das Interesse am Dorf wach. Zugleich diene die Veranstaltung als Jahresabschluss; Gespräche über das erst jüngst Vergangene stehen somit genauso im Mittelpunkt für die Bürger. Besonders gemütlich wird es am Ende, wenn die Wehr im Gerätehaus zu Käseknackern und Bockwürsten einlädt.

