Auf Umwegen zum Ziel
13.03.2010 - WIESBADEN
Von Ingrid Nicolai
NICK MELEKIAN Autor lässt 60 Menschen aus ihrer Arbeitswelt erzählen
Es gibt Krankenpfleger aus Überzeugung und Fischverkäufer aus Leidenschaft. Ärzte, die nie Arzt werden wollten und Juristen, die nicht ihren, sondern den Vorstellungen ihrer Eltern folgten. Manager in großen Konzernen, die Verantwortung scheuen und Abteilungsleiter in kleinen Unternehmen, die ihr Team zum Erfolg führen. Es gibt Menschen, die wenig verdienen und sich trotzdem reich fühlen. Und andere, die Geld scheffeln - und trotzdem arm dran sind. Arbeit kann gesund und Arbeit kann krank machen.
Was macht einen Beruf zu einer Tätigkeit, der ein Mensch gerne, bewusst und aus Überzeugung nachgeht. Der Wiesbadener Nick Melekian hat sich auf die Suche nach Antworten begeben "...und etliche gefunden", lacht er. Nicht wissenschaftlich, sondern persönlich hat er sich dem Thema genähert und zahlreiche Gespräche geführt. Ursprünglich wollte er über 100 Berufe vorstellen, 60 sind es geworden und die sind jetzt in Buchform als "Berufsgeschichten - Menschen erzählen aus ihrer Arbeitswelt und wie sie diese erleben" nachzulesen.
Fünf Jahre lang hat er an diesem "Buch aus dem Leben" gearbeitet und war dabei selbst noch auf dem Weg der beruflichen Findung. Wenn es etwas gibt, was die Menschen hinter ihren Berufsgeschichten vereint, dann ist es der ungerade Weg, beziehungsweise der mit Stolpersteinen und Umwegen, dem sie folgten, um schließlich an ihrem beruflichen Ziel anzukommen und sich dort auch wohl zu fühlen.
An der Auseinandersetzung mit sich selbst kommt dabei keiner vorbei. "Die theoretischen Informationen in Büchern, im Internet und vom Arbeitsamt sind eben nur Theorie. Und Praktika geben zwar Einblicke in einen Berufsalltag, sind aber auch nur begrenzt machbar." Viel wichtiger sei das Aufspüren der eigenen Werte und Motive, also eine ehrliche Antwort auf das Warum. Soll es ein Beruf mit festen oder flexiblen Arbeitszeiten sein? Mit vielen oder nur wenigen Kollegen? In der Großstadt oder eher im Ländlichen? Muss es ein Beruf sein, der sehr anerkannt ist - oder darf er ein bisschen "schräg" sein? Mit viel oder wenig (Eigen-) Verantwortung? Mit hohem oder niedrigem Einkommen? Viel oder wenig Kreativität?
"Die Rahmenbedingungen sind oft das A und O", hat Melekian herausgefunden und erzählt von seinem eigenen beruflichen Weg, dessen Beginn er in seine Jugend datiert "als ich Manager cool und Psychologie interessant fand. Achja, und meine Mutter meinte, ich soll Heilpraktiker werden". Das knappe Taschengeld, das er mit Second-Hand-Handel aufpolierte, sein mittelmäßiges Abitur und die vage Idee, mit BWL oder VWL bestimmt was anfangen zu können, brachte ihn zum ernüchternden Studium der Volkswirtschaftslehre. "Das war reine Mathe, und keiner konnte mir genau erklären, was genau VWL eigentlich ist", kam er der Sinnhaftigkeit seines Tuns nicht recht auf die Spur. "Da habe ich mich halt durchgebissen." Nach dem Studium in Konstanz und Heidelberg sowie einem Stipendium in USA war er Diplom-Volkswirt. Es folgten Stationen im Marketing und in der Personalentwicklung, er war Lehrbeauftragter für Wirtschaftsinformatik und Senior-Consultant im Bereich SAP. "Ich habe mich immer gefragt, was so ein Unternehmensberater überhaupt macht", schmunzelt er und erzählt von seiner EDV-Zeit: "Morgens bis abends vor dem Rechner, kaum Kontakt mit Menschen, absolutes Spezialistentum."
Er überlegte damals, ob ihn eine Reduzierung seiner Stelle zufriedener machen würde und entschied sich für einen kompletten Neu-Anfang. Mit der Ausbildung zum Mediator begann er seinem schon früh geäußerten Interesse an der Psychologie zu folgen und schlug mit 33 den Weg ein, den er jetzt gern als seinen eigenen, selbst bestimmten bezeichnet. Heute ist Nick Melekian Organisationsberater sowie als Coach, Mediator und Therapeut in eigener Praxis tätig. Dass der Wunsch der Mutter "Werde Heilpraktiker!" dann doch in Erfüllung ging, ist ein schöner Nebeneffekt - oder die Intuition von Frau Melekian.

