Seltsame Stimmung
08.02.2012 - CHAMULA
Von Franca Zerres
CHAMULA Franca Zerres besucht autonomes Dorf und Kathedrale in Mexiko
An einem Sonntag bin ich mit zwei Mitfreiwilligen in das nahe gelegene Chamula gewandert. Chamula ist ein autonomes Dorf, in dem nur Indigene leben und außerdem das politische und religiöse Zentrum der Tzotzil-Indigenen (ein Stamm der Ureinwohner Mexikos und Nachfahren der Mayas). Ich hatte schon viel davon gehört und war sehr gespannt, was ich dort sehen würde.
Auf den ersten Blick hat sich Chamula nicht wesentlich von San Cristóbal unterschieden. Es gibt einen Hauptplatz mit einer weißblauen Kathedrale und einen Marktplatz, auf dem man Nahrungsmittel, touristische Souvenirs sowie second-hand-Klamotten kaufen kann. Genau wie die Indigenen hier in San Cristóbal sprechen die Verkäuferinnen Tzotzil und tragen die typische indigene Tracht. Diese besteht aus einem schwarzen Fellrock der fast bis zu den Knöcheln geht. Am Bauch ist das Fell gefaltet und wird durch ein buntes, breites Band zusammengehalten. Als Oberteil tragen sie meistens bunte, glitzernde oder glänzende, viereckig geschnittene Hemden, die am ebenfalls viereckigen Ausschnitt bestickt sind. Ihre hüftlangen, schwarzen, dicken Haare tragen sie nie offen, sondern in zwei Zöpfen, in die bunte Tücher eingeflochten sind. Ich habe noch nie eine Frau in indigener Tracht fotografiert, weil mir gesagt wurde, im traditionellen Glauben nehmen Fotos dem fotografierten Menschen die Seele weg.
Mulmige Erinnerungen
Die Kathedrale in Chamula hat auf viele Menschen eine starke Wirkung und hinterlässt mulmige Erinnerungen. Der Boden ist mit Tannennadeln bedeckt, die den ganzen Raum mit ihrem Durft erfüllen und es gibt keine Bankreihen. Die Leuchtstoffröhren an den Wänden erzeugen eine seltsame, ungewohnte Stimmung. An den Seiten stehen mindestens 30 Vitrinen, in denen sich jeweils eine Heiligenstatue befindet. Vor diesen Vitrinen stehen Tische, die über und über mit Kerzen bedeckt sind. Weiter hinten in der Kirche habe ich einige alte Frauen beim Beten gesehen, wobei sie eine Art Mantra vor sich hingemurmelt oder laut gesungen haben. Mich hat gewundert, dass vor einer Frau zwischen den Kerzen drei Coca-Cola-Flaschen standen.
Eine andere Frau wurde von einem Mann mit Kräutern und danach mit Kerzen von Kopf bis Fuß berührt, ein Freund hat mir später erzählt, dies sei eine traditionelle Reinigung des Körpers. Mir wurde außerdem erzählt, dass der Glaube der Menschen in Chamula eine Mischung aus Chistentum und traditioneller Mayaritualen sei. Zum Beispiel gibt es Rituale, bei denen die schädlichen Geister aus einem von einer Krankheit befallenen Menschen auf ein Huhn übertragen werden, das dann in der Kathedrale geopfert wird.
Chamula hat ein eigenes Gefängnis mit den eigenen Regeln der „Indígenas“. Wenn jemand zum Beispiel Fotos in der Kathedrale macht, was strengstens verboten ist, kommt er in das Gefängnis und ich habe gehört, selbst die Polizei kann dann nichts ausrichten, um denjenigen zu befreien. Man kann sich nur befreien, indem man sich freikauft. Auf ihre Art und Weise haben die Leute aus Chamula die Regierung im Griff. Wenn von außen versucht wird, etwas gegen ihren Willen durchzusetzen, wie zum Beispiel, dass sie Wasser und Strom bezahlen, machen sie so lange Straßensperren in San Cristóbal, bis die Forderung fallen gelassen wird.
Chamula ist sehr bekannt und touristisch gesehen ein Muss, wenn man San Cristóbal besucht.
Wenn Sie meine weiteren Erfahrungen interessieren, folgen Sie meinen Tagebucheinträgen hier im Wiesbadener Tagblatt. In unserer Freiwilligenzeitung können Sie bei Interesse mehr über die Einsatzländer und die Freiwilligen erfahren.

