Mit Trillerpfeifen gegen laute Güterzüge - Viele Hundert Menschen gegen Bahnlärm
07.05.2011 - RÜDESHEIM
Von Barbara Dietel
„Tod dem Schienenbonus“, „Schluss mit dem Geratter“, „Lärmpegel runter“, „Bürgerwehr gegen Tali-Bahn“: Gegen den immer weiter zunehmenden Bahnlärm auf Europas meist befahrener Güterstrecke demonstrierten am Samstag in Rüdesheim viele Hundert Menschen mit Transparenten und Trillerpfeifen.
Zu dem „Bürgertreffen“ hatten die Bürgerinitiative im Mittelrheintal gegen Umweltschäden durch die Bahn, das Bürgernetzwerk „Pro Rheintal“ sowie die Landkreise Rheingau-Taunus, Mainz-Bingen, Rhein-Lahn, Rhein-Hunsrück, Mayen-Koblenz und Neuwied aufgerufen.
Es blieb nicht nur beim lautstarken Protest mit Trillerpfeifen, deren Konzert die Güterzüge auch nicht übertönen konnten. Während des Protestmarschs zur Fähre besetzten Demonstranten den Bahnübergang und stoppten so von 13.50 an den Zugverkehr. Die Polizei, die eine Kette aus Beamten bildete, drängte die Demonstranten jenseits des Bahnübergangs schließlich mitsamt den Besetzern von den Gleisen. Ab 14.35 Uhr konnten die Züge wieder fahren, begleitet von roten Karten, die die Protestler der Bahn zeigten.
632 Demonstranten zählte Polizeisprecher Markus Hoffmann. „Das sind knapp 1000“, schätzte dagegen der Lorcher Bürgermeister Jürgen Helbing (CDU), einst selbst im Polizeidienst. Von beiden Seiten des Rheins waren die Bürger in Scharen nach Rüdesheim gekommen, darunter auch alle sieben Bürgermeister und drei Landräte und eine Vielzahl von Politikern aller Couleur. Die weiteste Anreise hatte vermutlich die Bürgerinitiative „Mut“ (Mensch- und umweltschonende Trasse) aus der Nähe von Freiburg, die in ihrer Heimat für einen verträglichen Ausbau der Rheintalbahn kämpft und sich gleich in Mannschaftsstärke mit dem Mittelrhein solidarisch zeigte.
Die Gunst der Stunde nutzten die Binger, um auf ein weiteres Problem aufmerksam zu machen: das Pfeiffen der Züge, wenn sie die unbeschrankten Bahnübergänge zwischen Rüdesheim und Lorch passieren. Weil die Rüdesheimer Jäger sie noch nutzen wollen, können sie nicht beseitigt werden. Sie mussten sich deshalb von der anderen Rheinseite als die „schlimmsten Lärmverursacher“ bezeichnen lassen.
Bei der Kundgebung an der Brömserburg fanden die Redner harsche Worte für die Bahn, die zu 100 Prozent dem Bund gehört. „Hier terrorisiert der Staat seine eigenen Bürger“, erklärte der Vorsitzende der BI gegen Bahnlärm, Willi Pusch. Und sein Mitstreiter Wolfgang Schneider setzte noch eins drauf: „Das ist Folter mit staatlicher Genehmigung.“ Viel sei versprochen worden, aber nichts passiert, erklärte Pusch, ob das die Umrüstung der Güterwaggons sei oder das lärmabhängige Preissystem. Dabei wisse die Politik seit vielen Jahren, wie es um das Rheintal bestellt sei.
Die Landräte Günter Kern (Rhein-Lahn-Kreis) und Burkhard Albers (Rheingau-Taunus-Kreis) forderten erneut eine Alternativtrasse für das Mittelrheintal.
„Eine ganze Region formiert sich. Das ist nicht das Ende, das ist erst der Anfang unseres Protestes“, rief Albers den Demonstranten zu. Aber die Region erlebe auch nur den Anfang der Lärmbelastung. Mehr und längere Züge werden das Rheintal passieren, so Albers. „Bund und Bahn schieben sich die Verantwortung hin und her, und wenn das nicht mehr zieht, verweisen sie auf europäische Gesetzesnormen“, klagte Karl Ottes. Sprecher des Rheingau-Bundes gegen Bahnlärm. Da helfe nur eins: „Treten Sie den Bürgerinitiativen bei, kämpfen Sie gegen den Lärmterror.“
Bei der Kundgebung an der Brömserburg hatten die zahlreichen Redner zuvor betont, dass das Bürgertreffen in Rüdesheim erst der Anfang einer Protestbewegung im Mittelrheintal sei. Die Kapazität der Strecke, auf der schon heute so viele Güterzüge fahren, wie nirgendwo sonst in Europa, soll noch weiter ausgebaut werden. Die Anwohner leiden unter dem Lärm und den Erschütterungen.

