Innovationswerkstatt in Kiedrich zum Thema Alter
18.11.2011 - KIEDRICH
Von Thorsten Stötzer
Drei Frauenbilder projieziert Jens Friebe, der Hauptreferent bei der Innovationswerkstatt „Bildungshäppchen statt Seniorenteller“ in Kiedrich, auf die Leinwand. Das eine zeigt Albrecht Dürers Mutter, verhärmt und mit knochigem Gesicht, gemalt 1514 im Alter von 63 Jahren. Auf den beiden anderen Aufnahmen sind Rita Süßmuth (Jahrgang 1937) und Tina Turner (Jahrgang 1939) zu sehen.
„Das Altersbild hat sich offensichtlich rasant verändert“, stellt Friebe fest, der als Diplom-Sozialwissenschaftler im Deutschen Institut für Erwachsenenbildung in Bonn arbeitet. Das Alter sei keine Zeit des Rückzugs mehr, sondern eine der Teilhabe, was sich auch bei der Bildung beweise. Wie Weiterbildung „altersgerecht“ sein könne, ist die Hauptfrage im Vortrag des Wissenschaftlers.
Lernangebote müssten attraktiv sein für ältere Menschen, meint ebenso Brigitte Harder von der Volkshochschule, die zusammen mit Gunda Biesel von der Qualifizierungsoffensive und Ingrid Wulf von „Lernen vor Ort“ den Nachmittag moderiert. Die kreisweiten Projekte haben gemeinsam 40 Teilnehmer eingeladen aus Unternehmen, sozialen Einrichtungen, selbst organisierten Gruppen und vor allem von „Weiterbildungsanbietern“.
Dass das Thema an Bedeutung gewinnt, belegt Friebe statistisch: Die „Babyboomer“ der Nachkriegszeit nähern sich allmählich dem Ruhestand. Eine Studie habe ergeben, dass die älteren Arbeitnehmer nach wie vor seltener Fortbildungen besuchten als jüngere, allerdings seien die Zuwächse bei den über 60-Jährigen „ganz erheblich“. Das steigende Renteneintrittsalter erkläre dies zum Teil.
Weiterhin ist zu erfahren, dass von Bildungsstand und Stellung im Beruf viel abhängt. Beamte gehen demnach 2,5-fach häufiger in Weiterbildungsmaßnahmen als Arbeiter. Friebe plädiert dafür, Angebote zu schaffen, hinter denen nicht alleine der Gedanke der Nützlichkeit stehe. „Betrieblicher und individueller Mehrwert“ sollten in den Mittelpunkt rücken; Gesundheit, Stressbewältigung und Sprachen seien Beispiele.
Was im Rheingau-Taunus-Kreis in Sachen Seniorenbildung bereits möglich ist, erfahren die Beteiligten im zweiten Abschnitt der Innovationswerkstatt. In einer Workshop-Phase präsentieren sich an Ständen so verschiedene Institutionen wie das „Forum Frauen über 55“ aus Taunusstein, der Fotoclub Rüdesheim, das Rheingauer „Forum Aktiv älter werden“, die Hessische Polizeischule und der Landessportbund.
Das Plenum diskutiert ausführlich darüber, wie die „bildungsfernen“ Senioren erreicht werden können. Friebe stellt einen Kontext her zu „Lernen vor Ort“, denn wohnortnahe und „barrierefreie“ Offerten seien wichtig. Er sieht den Kreis auf gutem Weg bei der „Inklusion“ der Älteren. Lösungen für Bildungsferne in der Region könnte man finden, indem man auf sie zugeht.

