Neue Ausrichtung für Geisenheim
07.12.2011 - GEISENHEIM/WIESBADEN
Von Bernd Minges
FORSCHUNGSANSTALT CDU/FDP-Koalitionsrunde spricht sich für Trennung von Hochschule Rhein-Main aus
Am Studien- und Forschungsstandort Geisenheim zeichnet sich eine organisatorische Neuausrichtung ab. Die Koalitionsrunde von CDU und FDP habe sich für eine eigenständige Hochschule in Geisenheim ausgesprochen, teilt Ingmar Jung, Staatssekretär im hessischen Wissenschaftsministerium, mit. Das hätte zur Folge, dass die Hochschule RheinMain, zu der der Fachbereich Geisenheim gehört, rund 1 100 Studenten verlöre. Die seit 1971 in Geisenheim bestehende institutionelle Trennung von Lehre und Forschung soll aufgehoben werden. Anlass für die Diskussion über die Neuorganisation war der Ausstieg von Rheinland-Pfalz aus dem Staatsvertrag mit Hessen im vergangenen Jahr. Dadurch entstand ein Loch von rund 1,3 Millionen Euro im Etat der Forschungsanstalt (FA), das von Hessen wieder ausgeglichen wurde.
Die FA mit rund 350 Beschäftigten hat ein Kooperationsnetz mit internationalen Forschungseinrichtungen aufgebaut. Direktor Hans Reiner Schultz genießt als Weinbau-Experte hohe Reputation im Ausland. Die FA mit Schwerpunkten in Weinbau, Getränketechnologie, Obst-, Gemüse- und Zierpflanzenbau sowie Landschaftsarchitektur hat sich in jüngster Zeit auf Klima- und Umweltforschung, nachhaltige Produktionsverfahren sowie auf die gesundheitsfördernde Wirkung von Inhaltsstoffen konzentriert.
Geisenheim soll seine Eigenständigkeit ab 2013 erhalten, so Staatssekretär Jung. Im kommenden Jahr sei eine halbe Million Euro für die Umstellung der EDV und den Aufbau der eigenen Studienverwaltung vorgesehen. Ab 2013 gibt es zusätzlich rund 1,2 Millionen Euro. Die Freigabe dieses Geldes sei von einer Evaluation durch den Wissenschaftsrat abhängig, der Bund und Länder bei der Weiterentwicklung von Hochschulen und Forschungseinrichtungen berät. Die Entscheidung der Koalitionsrunde sei ein deutliches Bekenntnis des Landes Hessen zur FA und deren Zukunft, erklärte Jung.
„Jetzt geht die Arbeit richtig los“, meinte FA-Direktor Hans Reiner Schultz. Zwei unterschiedliche Strukturen müssten nun zusammengeführt werden. Gegenwärtig seien 20 Professoren sowie 19 wissenschaftliche Mitarbeiter, Ingenieure und Verwaltungsangestellte der Hochschule RheinMain in Geisenheim im Einsatz. Schultz hatte sich von Anfang an für die Eigenständigkeit ausgesprochen. Er betont aber, dass damit die Verbindungen zu Wiesbaden keineswegs gekappt würden. Der FA-Direktor setzt ausdrücklich weiter auf Kooperation. Künftig bestehe eher die Möglichkeit, an Fördertöpfe zu kommen, hofft er.
Mit dem neuen Modell ist freilich kein Universitätsstatus verbunden, dazu fehlt Geisenheim eine zweite Fakultät. Zwar tummeln sich rund 60 Doktoranden in Geisenheim - ein Beweis für die wissenschaftliche Reputation des Standorts - aber auch künftig wird es kein Promotionsrecht geben. Durch die Kooperation mit einer Universität, zum Beispiel Gießen, sei dafür eine Lösung zu finden, so Schultz.
„Enttäuscht“ über die Entscheidung der Koalitionsrunde zeigte sich hingegen Detlev Reymann, der Präsident der Hochschule RheinMain. Er hatte vorgeschlagen, Geisenheim als universitären Fachbereich in die Hochschule einzugliedern. Der Landesregierung fehle der Mut, hochschulpolitisch neue Wege zu gehen. Mit einer neuen Mini-Fachhochschule würden keine Probleme gelöst.
Auch finanziell sei das Modell wenig durchdacht, so Reymanns Kritik. Die Entscheidung verursache zusätzliche Kosten. Geisenheim werde unter dem Strich eher noch Geld verlieren. Unklar sei auch der künftige Status der Professoren, die bisher für die Hochschule RheinMain lehrten, und der Fachgebietsleiter der FA. „Völlig illusorisch“ sei die Annahme, die neue Verwaltungsstruktur innerhalb eines Jahres aufbauen zu können. Trotz aller Kritik sagt Reymann: „Wir werden das natürlich nicht boykottieren.“

