Fassbinders „Die dritte Generation“ im Schauspiel Frankfurt
21.02.2012
Von Stefan Michalzik
Frankfurt. Als Rainer Werner Fassbinder Ende 1978/Anfang 1979 unter dem noch frischen Eindruck des Deutschen Herbsts seinen Film ,,Die dritte Generation“ drehte, erregte er gleich bei mehreren Seiten Anstoss. Das Fernsehen wollte sich nicht an der Produktion beteiligen, der Berliner Senat verweigerte einen Kredit. Als der Film mit seiner kontroversen Sicht auf den Terrorismus einige Monate später in die Kinos kam, haben RAF-Sympathisanten Vorstellungen mit Stinkbomben gesprengt.
RAF als Farce
Der Terrorismus als Farce? Nicht umsonst hat das Frankfurter Schauspiel den Premierentermin für die auf dem Drehbuch fußende Theateradaption der jungen Regisseurin Alice Buddeberg in den Kammerspielen auf das Fastnachtswochenende gelegt. Fassbinder unterschied zwischen den RAF-Terroristen der ersten Generation, die aus einer idealistisch verfochtenen Überzeugung und einem Gefühl der politischen Ohnmacht heraus gehandelt haben, jenen der zweiten, die sich aus einem Verständnis heraus zu Anwälten der ersten gemacht hat - und eben einer dritten Generation, die primär aus Abenteuerlust heraus gehandelt habe. Terrorismus als Karnevalsveranstaltung. Um des Kitzels willen, bar einer politischen Perspektive. Zudem wird die Westberliner terroristische Zelle, in der die Handlung angesiedelt ist, von einem agent provocateur gesteuert: Fassbinder behauptet eine Symbiose von Terrorismus, Sicherheitsindustrie und Politik. Demnach ist die terroristische Gewalt ein Geschenk Gottes für einen sich mit zunehmends totalitärer Tendenz abschottenden Staat und das Kapital, das ihn dominiert.
In Frankfurt ist ein Ensemblestück zu sehen, mit schauspielerischem Nachwuchs von der hiesigen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst. Während in Fassbinders Film fortwährend Radionachrichten zu hören sind, die ungeachtet ihrer Tragweite - Revolution im Iran - von der Gruppe praktisch nicht wahrgenommen werden, sitzen hier die sieben zunächst neutral gekleideten Schauspielerinnen und Schauspieler in einer tapetengleich mit Tageszeitungen zugekleisterten Kulisse um eine gewaltige Druckpapierrolle herum und lesen Schlagzeilen dieser Tage vor. Von Wulff und Griechenland bis ,,Rottweiler beißt Kinder - Haft für Hundehalter“. Schließlich verdichtet sich das mediale Dauerrauschen zu einem chorischen Tohuwabohu.
Grelle Farben
Die Zurschaustellung der Binnendynamik dieses Kollektivs erfolgt frei nach Brechts epischem Theater mit viel hysterisch-grotesker Überdrehtheit. Buddeberg wählt grelle Farben, doch sie geht sehr formbewusst vor, und es gelingt ihr, den philosophischen Gehalt der Geschichte spielerisch zu vergegenwärtigen. Einer allzu offensichtlichen Zeichensetzung mit Blick auf aktuellere Strömungen enthält sie sich. Der Unterbau an Verweisen auf einen popkulturellen ,,Baader-Retro-Boom“ ist dem Programmheft zu entnehmen: ,,Auf symbolischer Ebene füllt die RAF die Leerstelle aus, die die Neutralisierung des dissidenten Komponente des Pop geschaffen hat“ (Helena Dawin).

