Mit Bier und Skript-Mappe
05.04.2011 - MAINZ
Von Andreas Schermer
KABARETT Warum Urban Priol stets die Haare zu Berge stehen
Auf der Kleinkunstbühne des Unterhaus haben die großflächigen Tiraden des Unterfrankener Hohn-Humoristen Urban Priol nicht mehr genug Platz. Leger, mit seinem Markenzeichen, dem bunten Hawaiihemd, in der Hand ein Weizenbier und seine Skript-Mappe, so schlendert er auf die Bühne der Phönix-Halle: „Ich habe viele Texte mitgebracht - auswendig lernen lohnt sich heutzutage nicht mehr.“ Schon nach wenigen Augenblicken redet sich der Irrwisch über die aktuelle politische Situation in Rage, dass sich schnell erklärt, weshalb ihm permanent die Haare zu Berge stehen.
Wenn er sich so ereifert, überschreitet Priol bald Grenzen. Tabulos und provozierend darf es sein. Wo, wenn nicht im Kabarett, ist es angemessen, über gesellschaftliche Missstände zu stänkern und zu ätzen? Die sprachlichen Niveauschwankungen müssen dabei jedoch nicht unabdingbar gutgeheißen werden. Aus seinem unerschöpflichen Fundus von Kanzlerin-Synonymen wird sein Lieblingsopfer in Stammtischgesprächen auch mal zum „scheinheiligen Ostgesteck“ oder zu „Lady Gaga“. „Merkel ist sehr geschickt - nur keiner weiß von wem. Unangenehmes lässt sie von anderen verkünden, damit ihr öffentliches Bild vom unbefleckten Verhängnis nicht beschädigt wird.“
Mehr Respekt verdient es da, wenn er etwa die eine oder andere Politiker-Posse ins Gedächtnis zurückruft, die die Regierenden zu gerne ins Vergessen der öffentlichen Aufmerksamkeit sinken lassen würden: „Was ist eigentlich aus der Schweinegrippe geworden?“ Auch die von Deutschland oktroyierte U-Boot-Bestellung des mittellosen Griechenlands wird nochmal besonnen. Wenn es darum geht, die naive Einstellung der Wähler - „das Volk, dem wir die Meinung bilden“ - zu all dem zu unterstreichen, bedient er sich gerne einer fies-dümmlichen Grimasse. So hackt er nicht nur auf Politikern herum, sondern ebenso auf der Einfältigkeit von Jugendlichen und Senioren.
Nur zwanzig Minuten Pause gönnt sich Priol in seiner dreistündigen Proklamation, in der er seine Zuhörer auch immer wieder mit Sinnfragen beschäftigt: „Wer schadet dem Staat mehr - der Steuerhinterzieher oder der Steuerverschwender?“
So fordert der Rohrspatz in seinen verschiedenen Graden intellektuellen Anspruchs Gelächter wie beipflichtenden Applaus, ebenso Nachdenklichkeit und Skepsis und provoziert auch ein wenig den Mut, Widerstand zu leisten: „Wenn sie Euch ärgern, dann ärgert sie zurück!“

