Von Peter Müller
KONZERT Frank Lacy Quartet im Camera
Weißes Smoking-Jackett, die sperrigen Dreadlocks unter einem Piratentuch gebändigt, dazu Lackschuhe und eine Whiskey-verhangene Stimme - der Mann aus Houston ist schon ein ziemlich extravaganter Typ. Wofür nicht nur spricht, dass er seiner zweiten geschiedenen Frau schon allein deshalb eine eigene Jazzballade widmet, weil er sich durchaus vorstellen kann, sie noch einmal zu heiraten. Nein, Frank „Ku-umba“ Lacy ist auch zweifellos ein ganz besonderer Posaunist. Einer, der zwischendurch mal Physik, dann Musikwissenschaft und afrikanische Geschichte studiert hat, um daneben in Rhythm-and-Blues-Bands zu wildern und dann bei Studienkollegen wie Branford Marsalis oder Wallace Roney das Horn zu blasen. Allerdings war das nur der Startschuss zu einer Karriere, die sich weder in eine Genre-, noch in eine Stilschublade stecken lässt. Lacy ist inzwischen längst eine absolute Szene-Größe.
Verblüffende Mixtur
Das alles, nicht zuletzt seine Zeit als Mentor von Trompeten-Star Roy Hargrove muss man erwähnen, um sich der verblüffend integrativen Mixtur des 52-Jährigen zu nähern: Bebop, Postbob, Fusion, Funk, Blues, Afro Beat und und und - Lacy tuppert bei seinem Auftritt im Camera Elemente unterschiedlichster Stile zu einem ganz eigenen Cocktail ein. Das Repertoire, von Gino Vanellis großartig melancholischem „The surest things can change“ in Moll über luftige Jazzballaden wie „Alicia“ bis zu vertrackt arrangierten Charlie-Mingus-Hommagen, könnte denn auch breiter gestreut kaum sein. Und wenn es sein soll, greift Mr. „Ku-umba“ auch schon mal zum Mikro und scattet, wenn auch eher mit beeindruckender Verve denn überragendem Talent, munter drauf los.
Die famosen Vier
Sein Posaunenspiel dagegen ist nach wie vor Extraklasse: expressiv, erdig und dennoch elegant. Seine zwei Sechzig-Minuten-Sets sind auch deshalb so bemerkenswert, weil er in einem Quartet steht, das in dieser Formation erst einen gemeinsamen Gig hingelegt hat. Promoter Peter Schilbach hat den derzeit mit dem St. Nick´s Quartet tourenden Lacy und ein Austria-Trio - Martin Reiter (Piano), Wolfram Derschmidt (Bass), Dusan Novakov (Drums) - quasi von der grünen Wiese des österreichischen „INNtöne Festivals“ gezerrt und nach Wiesbaden bugsiert. Eine wieder mal ausgesprochen gute Wahl, zumal die Ösi-Fraktion auch immer wieder genügend Raum kriegt, ihr Können unter Beweis zu stellen. Frontmann Lacy teilt sich das Ganze durchaus ökonomisch ein, was vor allem das Duo Reiter/Derschmidt immer wieder mit formidablen Soli nutzen - ohne dass der auf fast intuitive Art geschlossene Sound der famosen Vier verloren geht. Schlichtes Fazit: ein klasse Konzert, das ein Stil-Etikett nun wirklich nicht braucht.

