Rock meets Classic: Alt-Rockern darf das Benzin ausgehen
21.01.2012 - FRANKFURT
Von Peter Müller
Chris Thompson (64) hat kaum noch Haare, Steve Lukather (54) noch immer keine Stimme, weshalb er auch zurecht als Hauptberuf „Gitarrist“ angibt. Jimi Jamison (60) trägt XL-Strickware, darunter Rettungsring und eine schwarze, im Schritt putzig ausgebeulte Kunstlederbuxe. Die tapfer humpelnde „Lederlunge“ Ian Gillan (66, und inzwischen ein bisschen weise) steckt sogar - „ein Skiflug-Unfall“ - im Extensionsschuh, darüber schlackert ein T-Shirt mit ziemlich morbider „Peace“-Botschaft, von einer ziemlich toten Skelett-Hand. Und Robin Beck scheint einfach nur beglückt, überhaupt mal wieder unter Menschen zu sein - zumal die alle auch noch so enthusiastisch jubeln.
Aber Moment, wer war noch mal gleich „dieser Beck“? Zunächst mal ist er eine sie, und die zweifellos besterhaltene der „Rock-Legenden“, ganz offenbar hervorglänzend konserviert durch den regelmäßigen Genuss eines nicht ganz unbekannten „koffeinhaltigen Erfrischungsgetränks mit Pflanzenextrakten“.
Genau: Coca-Cola, Werbung, „First time, first love“ - das war Robin Beck, die heute 57, passionierte Hutträgerin und besonders aufgekratzt ist. Sieht dann schon ulkig aus, wenn die fünf Rock-Heroen samt Sinfonieorchester, Backvokal-Chor und Mat Sinner Band im Finale auf die Bühne drängeln, um die unverwüstliche Deep-Purple-Hymne „Smoke on the water“ abzubrennen. Da wirft dann selbst Bernard Fabunjan, Maestro des „Bohemian Symphony Orchestra Prague“, den Frack in die Ecke und stürmt sportiv aufs Dirigenten-Podest, mit Sonnenbrille. Aber womöglich hat er die dunklen Gläser auch schon vorher getragen, man sieht ihn halt die meiste Zeit nur von hinten. Auch egal.
Unverwüstliche Klassiker
Viel wichtiger: In der ausverkauften Jahrhunderthalle wackeln die Wände, die Fans, von denen nicht wenige mit ihren Helden in Ehren ergraut sind, hat es nach drei Stunden Massen-Karaoke längst kollektiv von den Sitzen gerissen. Mal wieder. Denn das nicht mehr ganz taufrische Konzept funzt prächtig. Die Show-Tour „Rock meets Classic“, mit dem wichtigen Zusatz „The Original“, ist bereits das dritte Jahr unterwegs, um „die Grenzen zwischen U- und E-Musik genussvoll, mit großer Geste einzureißen“, Rock und Klassik zu verschmelzen.
Klingt ein bisschen nach „Night of the Proms“, ist aber bei genauem Hinsehen doch entschieden weniger „crossover“, „Rock meets Classic“ stellt vielmehr die alten Kämpen der Zunft - Toto-Frontmann Lukather („Africa“, „Rosanna“), Thompson, der die beste Mucke der Manfred Mann‘s Earthband („Davy´s on the road again“, „Blinded by the light“) im Gepäck hat, Survivor-Opa Jamison, der mit „Eye of the tiger“ nochmal „Rocky“ Stallone die Treppen des Philadelphia Museum of Art hinauf sprinten lässt oder eben Deep-Purple-Legende Gillan - ins Rampenlicht und lässt ihre tausendmal gehörten Hits vom großem Orchester veredeln. Für die wackeren Prager Symphoniker bleibt da neben einer „Carmen“-Ouvertüre und einem Häppchen Peer Gynt („In der Halle des Bergkönigs“) gar keine Zeit mehr für klassisches Material.
Die Rock-Nostalgiker, und das ist auch die Zielgruppe, kommen dagegen voll auf ihre Kosten. Das Verblüffendste dabei: Ob dem sympathischen Haudegen Ian Gillan nach „Highway Star“ und „Knocking at your backdoor“ schon das Benzin auszugehen droht, ob Lukather das vertrackt zu singende „Hold the line“ sicherheitshalber gleich an Backvokal-Röhre Tiffany Kirkland abtritt oder Jimi Jamison nur noch wie eine Karikatur des 1985-er „Burning heart“-Rockers daher kommt, spielt keine Rolle. Es sind die unverwüstlichen Song-Klassiker, die einfach jedes Verfallsdatum ad absurdum führen: Thompsons „Mighty Quinn“ oder Gillans „Woman from Tokyo“ - derlei Ikonographisches ist einfach nicht kaputt zu kriegen.

