Von Anne Winkel
LESUNG Kriminacht im Frauenmuseum
Im Rahmen des Krimiherbstes hat das Wiesbadener Frauenmuseum auch in diesem Jahr zu einer langen Kriminacht eingeladen. Die Gäste: sechs Autorinnen mit fünf Büchern. Viele Zuhörerinnen und ein paar Zuhörer. Nach einer Begrüßung von Kulturdezernentin Rita Thies führte Kim Engels vom Frauenmuseum durch den Abend.
Die Charaktere der vorgestellten Romane stehen mal mitten im Leben, und mal suchen sie erst noch ihren Platz in der Gesellschaft. Nicht todernst, sondern zuweilen urkomisch geht es in den Krimis zu.
Das fing bei der Lesung im Frauenmuseum gleich mit Lucie Flebbe an, die vor ihrer Heirat noch Klassen hieß. In "Der 13. Brief" steigt die 20-jährige Lila lieber in Bochum aus, statt ins Jurastudium einzusteigen. Die Vorstellung von "blassrosa Kostümchen" passt nicht gerade in Lilas Wollpulliwelt, in der sie für die "Freiheit der Meerschweinchen" protestiert. Die 1977 geborene Lucie Flebbe trifft mit ihrer jugendlichen Stimme den Nerv ihrer Protagonisten und lässt sie zwischen fremden Lebensträumen und eigener Wirklichkeit frech in die erste kriminalistische Ermittlung purzeln.
Mischa Bach stellt in "Rattes Gift" einen Junkie vor, "der mehr ist als seine Sucht". Dass dieser einer "Bullette" das Leben gerettet hat, dankt die ihm erstmal mit großem Misstrauen. Bach, die unter anderem Drehbücher für "Polizeiruf 110" verfasst hat, spricht Ratte betont cool und unaufgeregt.
Unaufgeregt zeigt sich auch die Protagonistin von Belinda Vogts und Uli Aechtners gemeinsamen Erstlingskrimis "Frauenschwimmen". Einfältig und leicht monoton gesprochen findet Vogt sogleich den richtigen Ton für ihre Protagonistin. Den Fund einer silberfarbenen Leiche im Wetterauer Golfclub interpretiert diese als "arme Alien-Braut" und meldet der Polizei: "Juliane Bach. Ich hab hier was gefunden." Vogts und Aechtners Roman sorgte für die wohl größten Lacher des Abends, was unter anderem mit Vogts kaum beschreibbarer, trocken-süffisanter Leseweise zusammenhängt
Corinna Waffenders zeichnet mit ihrer Sprache atmosphärisch dichte, zum Teil metaphorisch aufgeladene Bilder. In "Tod durch Erinnern" hat eine Figur den "Kurs auf die Heimat verloren" und konstatiert: "Ich kann das sinkende Schiff nicht verlassen, denn ich bin es selbst." Waffender liest mit sehr tiefer, nachdenklicher Stimme und ruft Inhalte hervor, die über den Text hinauszugehen scheinen.
Bei Monika Geier tritt in "Die Herzen aller Mädchen" eine bodenständige Alleinerziehende von zwei Adoptivkindern in Erscheinung. Mit ruhiger Stimme und gelegentlichem Lächeln schickt Geier ihre Heldin in die polizeiliche Oberliga und konfrontiert sie dabei mit einem besserwisserischen Lehrer, der in der Yogaposition "der gespannte Schilfstängel oder so" auf dem Pult hockt, um mit ihr über eine Dildobombe zu sprechen.
Der Abend im Frauenmuseum überzeugte mit einer Bandbreite kriminalistischer Literatur. Einen "Frauenroman", so angesichts der Frage von Kim Engels, will und kann keine der Autorinnen schreiben. "Ich schreibe an Männer und Frauen, weil die sowieso unterschiedlich sind", konstatiert die Wiesbadenerin Belinda Vogt. Und Corinna Waffender fragt skeptisch: "Was ist überhaupt ein Frauenkrimi? Ein Buch von Frauen? Für Frauen? Oder über Frauen?" Tatsächlich bleibt trotz der fast ausschließlich weiblichen Gäste das Fazit: Es war ein gelungener Abend mit Romanen von und für Menschen.

